Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

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Die Demalung Der Kirchen non ltnlerboihingen unD kbingen.

Von Prof. Dr. Rohr, Tübingen.

Wir leben in einer für die kirchliche Kunst sehr ungünstigen Zeit. Daö
Kapitalvermögen von Stiftungen und Privaten hat die Inflation verschlun-
gen. In seinen Wirkungen dauert also der Krieg noch fort. Wenn eS trotz-
dem möglich wurde, die Kirchen von Unterboihingen und Ebingen
durch akademisch gebildete Künstler auSmalen zu lasten, so ist dies ein Ana-
chronismus erfreulichster Art. Über das neue Schiff und die Bemalung des
Chors in Unterboihingen wurde schon berichtet. Mit letzterer war
Schenk (Gmünd) betraut. Da die gemalten Chorfenster figuralen Schmuck
besitzen, waren ihm verhältnismäßig enge Grenzen gezogen und Beschränkung
auf Ornamentalmalerei geboten. Aus anderen Gründen stellte das Schiff die-
selbe Forderung: Daö Mittelschiff ist im Intereste der Übersichtlichkeit sehr
breit angelegt und hat die Pfeiler der Seitenschiffe bis an den Gang hinauS-
gedrängt. Überspannt ist eS durch ein monumentales Kreuzgewölbe, das als
solches eine reiche Gliederung der Flächen, ein lebhaftes Spiel von Licht und
Schatten aufweist, aber wenig Raum bietet für Figurenmalerei und so gut
wie keinen für Gruppenbilder. Die einzige Fläche, die hiefür in Frage kam,
war die Scheidewand zwischen Chor und Schiff. So ergab sich von selber:
für die genannte Scheidewand Freskomalerei mit figürlichem Schmuck, für
die ganze übrige Kirche Ornamente. Auch bei letzteren war der Künstler ge-
bunden. Bei der Gediegenheit und monumentalen Wirkung der Architektur
konnte die Aufgabe nicht die sein, in freiem und willkürlichem Walten mit
Formen und Farben das Werk des Architekten zu überspinnen und zu ver-
schleiern, sondern eS zu betonen, seine Wirkung dadurch zu steigern und wo-
möglich auch die Materialfarbe mitreden zu lasten. Schenk hat sich diesen For-
derungen nicht entzogen, sondern sich die größtmögliche Zurückhaltung aufer-
legt und dadurch eine ruhige und geschlostene Gesamtwirkung erzielt. Dabei
verzichtete er auf eine ständige Wiederholung derselben Schablone, wo immer
der Raum für sie vorhanden ist, sondern vieles malte er freihändig und ver-
band dadurch Geschlossenheit des Ganzen mit Mannigfaltigkeit des Details.

Ihren Höhepunkt erreicht seine Kunst in den Gestalten der Chorbogen-
wand. Sie bilden zusammen eine Illustration zu dem Worte des Herrn:
„Lastet die Kleinen zu mir kommen und wehret es ihnen nicht, denn ihrer ist
das Himmelreich". Christus, die ihr Befremden ausdrückenden Apostel, der
seine Tochter vom Herrn fernhaltende Pharisäer, die Eltern und die Kinder
verschiedener Altersstufen kommen hier zur Darstellung und zwar jede Gruppe
mit besonderem landschaftlichem Hintergrund. Einen gesunden Realismus
hat sich Schenk dadurch zu sichern gewußt, daß er bei den Landschaften Skizzen
aus dem Orient verwandte, die er im Weltkrieg persönlich gemacht hatte, und
die Figuren, insbesondere die der Kinder, sich in der nächsten Umgebung zu-
sammensuchte, aber so stilisierte, daß das Ganze nicht einfach eine Unterboi-
hinger Porträtgalerie wurde. Nur ist die Stilisierung eine beschränkte und
ein Vergleich mit SchenkS Kreuzweg zu Röhlingen zeigt, daß er die Konse-

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