Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

Seite: 82
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quenzen aus den dortigen Erfahrungen gezogen hat. Vielleicht hat dabei auch
die persönliche Fühlung mit den Großen der Vergangenheit in Italien mit-
gewirkt. Der Gesamteindruck ist ein befriedigender: die einzelnen Gestalten
keine Schemen und keine Karikaturen, sondern Persönlichkeiten, mit ihrer
Umgebung geschickt zusammengestimmt und dem Plan des Ganzen zielbewußt
untergeordnet. Besondere Beachtung fanden von Anfang an die beiden Grup-
pen der ganz Kleinen, die in fröhlicher Unbefangenheit in heiterem Ringel-
reihen sich dem Herrn nahen, und die der etwas Größeren, die demütig und an-
betend sich einstellen. Die ganze Leistung bedeutet einen erfreulichen Fort-
schritt in der Entwicklung des Künstlers.

Die Stadtpfarrkirche von Ebingen bei Balingen, erbaut 1892, er-
weitert 1912 (die Altäre mit Ölbildern von G. Fugel), gleicht im Stil und
in der Anlage der vorigen insofern, als das Mittelschiff erbreitert ist und die
Seitenschiffe sich fast nur auf die Gänge beschränken zugunsten der Über-
sichtlichkeit, steht aber insofern weit hinter ihr zurück, als sie nicht von einem
monumentalen Kreuzgewölbe, sondern nur von einem hölzernen Schein-
gewölbe überdeckt ist. Den gefügten Brettern des letzteren war ihre Natur-
farbe belasten. Hätte man die Seitenwände durch das früher so beliebte pom-
pejanische Rot und einen braunen Sockel noch damit zusammenzuftimmen ge-
sucht, so wäre eine drückende Höhlenstimmung die Folge gewesen, aber da-
mit auch der natürliche Gesamtcharakter des Baues zerstört worden. Durch
die Berufung B a n t l e 6 war diese Gefahr beschworen. Wohl ließ er der Decke
ihre braune Farbe, hob aber die Rahmen der einzelnen Felder durch ein kräf-
tiges weißeö Ornament heraus. Die dem Schiff zugewandte Chorbogenseite
kleidete er in ein tiefes Blau, aber nicht, um das Gesamtbild in einen lichten
(Schiff) und einen dunklen Teil (Chor) zu zerreißen, sondern um den lichten
Chor nur desto drastischer zur Geltung kommen zu lasten. Was er wollte,
das hat er erreicht. Betritt man die Kirche durch das hintere Hauptportal, fo
atmet das Schiff Licht und Frohsinn. Die blaue Chorbogenwand spannt sich
vor den Chor wie ein feierlicher Vorhang, der nur in der Mitte den Blick auf
das Allerheiligste freigibt, freilich nicht, ohne ihn vorher für einige Zeit festzu-
halten. Denn der blaue „Vorhang" hat feinen besonderen Schmuck: fünf de-
korative Gemälde zur Verherrlichung der Heiligen Familie, unten links Hei-
lige Familie bei der Arbeit, unten rechts die Heilige Familie beim Gebet, oben in
der Mitte die Heilige Familie in der Seligkeit und dazwischen je eine von un-
ten nach oben rechts bezw. links sich aufbauende Engelgruppe. Wie immer in
der Freskotechnik arbeitete hier Bantle mit den denkbar einfachsten Mitteln:
wenige Figuren, wenige, schlichte Farben, einfache übersichtliche Gruppierung,
aber trotzdem oder eben deshalb erzielt er eine tiefe Wirkung. Schon die Idee
bürgte dafür: die Heilige Familie als Arbeiterfamilie, das ora et luborn dies-
seits und der Lohn im Jenseits: für eine vorwiegend aus Arbeiterfamilien be-
stehende Gemeinde das richtige Thema. Auf dem einen Bilde (Evangelien-
seile) steht Joseph in einfachem, gelbbraunem ArbeitSgewand vor der Werk-
bank, Jesus, lichter gekleidet, hält ein Werkstück in der Hand. Von links hat
sich Maria in rötlich-braunem Kleide genaht mit Erfrischungen im Korb und

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