Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

Seite: 83
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Becher. Das Ganze aber ist keine „Arbeitspause" oder „Vesperszene", son-
dern atmet so viel Anmut, Tiefe und Innerlichkeit, daß man sofort die „Hei-
lige Familie" erkennt, und dies, obgleich die Typen den Arbeiterstand nicht
verleugnen. Ebenso intereffant ist die Gruppe auf der Epistelseite: die Heilige
Familie beim Gebet. Jesus betet in der Mitte zwischen den Eltern, in kind-
licher Unbefangenheit den Blick nach oben richtend. Maria und Joseph aber
beten mit ihm und zu ihm, den Blick nicht nach oben zum Vater, sondern nach
unten zum Sohne gewandt. Den Lohn für Gebet und Arbeit stellt das Bild
im Scheitel des Chorbogens dar: Jesus thronend, Maria und Joseph zu bei-
den Seiten kniend und von ihm bewillkommt. Sämtliche Gewänder sind
hier licht gehalten. Die Vermittlung zwischen den beiden untern und der
obern Gruppe haben die Engelgruppen übernommen. In die Knie gesunken,
die Hände vor der Brust gefaltet, das Haupt geneigt, beten sie an und mit
ihren Gebeten steigt der Duft zweier Opferschalen zu Gott empor.

Wendet sich das Auge von der Chorscheidewand zum Chor, so begegnen ihm
nicht etwa neue Bildgruppen, sondern der Altar zieht den Blick auf sich und
die ganze Umgebung dient nur dazu, ihn inS richtige Licht zu rücken. Der
Grundton der Wände ist ein weiches Elfenbeinweiß, von dem sich nicht mit
der Schablone aufgetragene, sondern freigemalte Ranken und Blumen leicht
— nicht aufdringlich — abheben, also eine teppichartige Gesamtwirkung er-
zielen, ähnlich die Blumen der Gewölbekappen. Die Gewölberippen sind be-
tont durch ein schwarz-gold-schwarzeS Band, der Schaft der Dienste durch
stilisierte schwarze Blattornamente auf Goldgrund. Die Orgelempore hat
Sterne mit Strahlen auf ähnlichem Grunde wie der Chor. Die Mater-dolo-
rosa-Kapelle rechts vom Haupteingang hat grünes Ornament auf lichtem
Grunde. Die Chorfenster, zu denen Bantle gleichfalls die Entwürfe gefertigt
hat, wollen nicht etwa durch figuralen Schmuck dem Hochaltar Konkurrenz
machen, sondern nur Lichtquellen sein und auf die Chorornamente vorbereiten.
Trotz reichster Fülle wirken sie nicht unruhig und fahrig.

Die Gemeinde Ebingen — und das gilt mutatis mutandis auch von Unter-
boihingen — darf sich der aufgewandten Opfer freuen. Sie haben sich gelohnt.
Und wir möchten nur wünschen, daß recht viele hier studieren und lernen,
namentlich solche, die eine Kirche bemalen oder bemalen lasten sollen. Hier
haben sie ein Beispiel, wie man sich in die Eigenart eines Bauwerks versenkt,
nicht mit einem schon oft verwendeten und vom Beschauer darum auch sofort
wieder zu erkennenden Pack von Mustern an dasselbe herantritt, sondern sich
Formen und Farben von ihm diktieren läßt und so etwas Individuelles und
Persönliches schafft. — Noch eine weitere Erwägung! Zwei Pfarreien, die
großenteils oder fast ausschließlich auö Arbeitern bestehen, wußten trotz
Kriegs- und NachkriegSelendeS die Bemalung ihrer erst kurz zuvor erbauten
Gotteshäuser durch akademisch gebildete Künstler zu erschwingen. Die eine
davon ist auch noch Diaspora. Das ist Grund zu doppelter Freude und für
andere hoffentlich ein zugkräftiges Beispiel. Die Freude erinnert zugleich an
eine andere, die allerdings einen etwas bitteren Beigeschmack hat: neuerdings
stellen unsere Diasporagemeinden, allen voran Stuttgart, relativ die meisten
Theologen. Zapienti sat!

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