Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

Seite: 93
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Und das aus anderer Kunst Gewonnene seiner künstlerischen Sehweise mit
selbstsicherer Kraft ein- oder gar unterordnet. Es ist nun sehr merkwürdig,
daß, nachdem diese mit italienischen Formgebilden schwerfällig beladenen
Stiche zustandegekommen sind, der Künstler plötzlich wieder und wie absicht-
lich von allem Italienischen sich wegwendet und in der untersetzten prallen
Frauenfigur des sogen, „großen Glückes" (B. 77) oder der Nemesis, den
weiblichen Leib und zwar einen häßlichen weiblichen Leib so realistisch als nur
immer denkbar schildert. Auch die mächtigen Flügel der Gestalt bildet er mit
der größten Andacht, Treue und Geduld einem Natureindruck nach. Man
stelle diese naturalistische schwere Nemesisgestalt unmittelbar neben die in
schönem Rhythmus leicht bewegte liebliche Mädchenerscheinung auf dem
Stiche „Der Traum des Doktors", der nur wenige Jahre früher gestochen
sein kann, und man wird erstaunen darüber, daß derselbe Meister innerhalb
eines kurzen Zeitraumes eine so grundverschiedene Formanschauung aus-
spricht. Wir dürfen uns der Nemesis als einer der mächtigsten Offenbarun-
gen seines trotz gefährlicher fremder Einwirkungen ungebrochen gebliebenen,
echt nordischen Natursinnes gewiß freuen, aber wir können uns der Tatsache
nicht verschließen, daß Dürer damals seines Weges nicht recht sicher war und
daß die italienische Kunst ihn kurz danach nochmals ganz in ihren verzaubern-
den Bann zieht. Der Kupferstich „Adam und Eva" (B. I) von 1504 ist ein
nur zu deutliches Beispiel dafür, wie Italien ihm aufs neue das Konzept
verrückt und wie er in der Mischung von Natur und übernommenen Form-
vorstellungen schließlich gar in eine gewisse Erstarrung seines an sich doch
so gewaltig tiefen und wahren LebenSgefühleö gerät. Ein schönes Studien-
blatt (London; L. 234) von 1504 zeigt genaue Vorarbeiten nach der Natur
für Arme und Hände des Adam; hier ist noch volles Leben, der Stich aber
bringt es abgeschwächt. Hiezu kommt, daß er glaubte, mit Hilfe gewisser er-
rechneter Maße den Schönheitsgesetzen, nach denen die Italiener ihre Men-
schengestalten anscheinend aufgebaut hatten, auf die Spur zu kommen und
nun seine Figuren von Adam und Eva nach ganz bestimmten Proportionen
mit Zirkel und Richtscheit sich regelrecht konstruierte.' Die Folge ist, daß der
erwähnte Stich den Charakter einer gewissen lehrhaft-absichtlichen, muster-
beispielhaften Art bekam und uns heute nicht recht innerlich zu erfassen ver-
mag. Man merkt dem Blatt deutlich an, daß eö Dürer gar nicht um den Vor-
gang des SündensalleS selbst zu tun war — wieviel packender hat ;. B.
Baldung in einem Holzschnitt ihn zu geben gewußt! - sondern daß eS ihm
um Formprobleme ging. Trotzdem muß auf die Zeitgenossen diese erste, ins
Große gewollte und freier bewegte Spiegelung unbekleideter Menschenkörper
gewaltigen Eindruck gemacht haben, denn so etwas war nördlich der Alpen
bisher noch nicht versucht worden. Auch ist die Landschaft mit ihrem Getier
so naturverbunden und die ftecherische Behandlung so mit eingeborenem male-
risch-graphischem Gefühl belebt, daß auch wir noch so manchen Augengewinn
an diesem Stich haben können. Im Jahre 1507 hat er das gleiche Thema
nochmals in zwei Flügelbildern (Madrid, Prado) behandelt, nun mit mehr
Glück, denn hier sind die Gestalten leichter in der Bewegung und beseelter:

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