Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

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Sehnen und scheue Begehrlichkeit spricht auö ihrer Haltung. — Die spätere
Entwicklung Dürers zeigt, daß er aus dem höchst gefahrdrohenden Zwiespalt
von eigenein Naturgefühl und italienischer Natürauffaffung allmählich doch
berauSfand. Er gelangte immer mehr dazu, bei der künstlerischen Gestaltung
deS Menschenleibes aus der Vielheit der Naturformen das Wesentliche zu ge-
winnen, ohne dabei doch ins Leere zu geraten und leblos zu werden. Die 1508
gezeichnete Lukretia ist noch ziemlich befangen in der Haltung, bedeutet aber in
der ruhigen plastischen Gesamtauffaffung doch einen gewissen Fortschritt. Die
schöne Studie des sitzenden Jesuskindes von 1506 bewegte sich schon in dersel-
ben Richtung; sie fand auf der „Madonna mit dem Zeisig" (Berlin, Kaiser
Friedrich-Museum) Verwendung. Wir sehen den Meister denn sehr bald
seiner selbst sicher und gewiß werden und künstlerisch zur vollen Beherrschung
des menschlichen Organismus emporsteigen. 1510 schafft er z. B. die groß
gesehene und kräftig-lebendige Christusgestalt auf dem Titelblatt zur großen
Passion: da ist erlebte Form in meisterlicher Klärung. Und die unbekleidete
gleichfalls in Holz geschnittene Gestalt des BüßerS auS demselben Jahre (B.

119) sagt das Gleiche aus. Die souverän hingeworfenen Akte zweier Feder-
zeichnungen von 1515 und 1516 in Frankfurt vereinen herrliche Fülle orga-
nischen Lebens mit großer Auslese des eigentlich Wichtigen und Bestimmenden
im Körperaufban. Als in der Folge dem neugewonnenen Verhältnis zur Na-
tur abermals eine gewisse Erstarrung droht, führt ihn die 15 20 unternom-
mene Reise nach den Niederlanden, die ihm neue Eindrücke voll flutenden
Lebens in volkreichen und tätigen Städten und die nähere Kenntnis der natur-
nahen niederländischen Kunst vermittelt, wieder der Natur zu. In einem
Skizzenbuch hat er mit dem Silberftift eine ganze Anzahl von Reiseeindrük-
ken seiner Niederlandsfahrt (Porträts, Architekturaufnahmen, Tiere) leicht
und sicher widerspiegelt. Da kann denn die unvergleichlich sicher und groß
empfundene Zeichnung mit dem schmerzlich hingelehnten Leib deS vom Kreuz
genommenen Christus 1522 (Bremen, Kunsthalle) gelingen und daS monu-
mentale Blatt mit der Gruppe einiger Auferstandener von 15 26 (Berlin),
wo er so ganz frei mit menschlichen Leibern schaltet und alles Einzelne lebendig
zum kühn erfundenen Ganzen wirkt.

Dürer hat feine Menschengestalten oft auS vielen Einzelstudien nach der
Natur zusammengesetzt. Die vielen sehr plastisch und entschieden durchgebil-
deten Zeichnungen für den Altar, den er im Auftrag deS Kaufmanns Heller
in Frankfurt zu malen hatte, lassen einen tiefen Blick in feine Arbeitsweise
tun. Er klagte einmal, wie Melanchthon darüber berichtet, wie schwer es sei,
von der Natur nicht abzuweichen („quam difficile sit, non aberrare a na-
tura“). Fürchtete er, von seiner übermächtigen Phantasie und dem Erbteil
mittelalterlicher Formgewöhnung, das in ihm, dem in der Epoche der Spät-
gotik Geborenen, noch fortwirkte, der Natur immer wieder entfremdet zu
werden, oder wollte er mit jenen Worten sagen, daß man sich im eindring-
lichen Studium der Natur gar nie genug tun könne? Jedenfalls hat feine
Methode, dieNaturstudicn gleichsam mosaikartig zum Bildezusammenzufügen, der
einhetilichen Wirkung des Helleraltares und auch anderer Werke Abbruch getan.

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