Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

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mation, die Leiftungsfähigkeit und Fruchtbarkeit der Ulmer Kunstwerkftätten
zu einem Höchstmaß zu steigern.

Nachdem während der ganzen Renaisiance- und Barockzeit, also von der
Reformation bis zu den Freiheitskriegen, die Kunst der Gotik in Vergessen-
heit und Geringschätzung versunken war, haben um die Mitte des 19. Jahr-
hunderts kunftliebende Forscher wie K. A. v. Heideloff, Karl Grüneisen,
Eduard Mauch, Konrad Dietrich von Häßler, Friedrich Preffel die Ulmer
Kunst der Gotik wieder entdeckt und die ersten Schriften darüber veröffent-
licht, die uns heute freilich nur als tastende Versuche erscheinen^). Nach der
Vollendung des Münsters (1891) folgte auf Grund der seitherigen Fort-
schritte der Kunstwissenschaft eine zweite Welle von Schriften über den-
selben Stoff, durch die in der Baukunst, der Steinmetzkunst und der Malerei
so ziemlich alles noch vorhandene Material erfaßt und ein Überblick gewonnen
ist, der abschließende Urteile ermöglicht'). Diese lauten höchst rühmlich. Nicht
nur in der Architektur haben sich die Ulmer durch den Münfterbau an
einen führenden Platz gestellt; auch in der St einbildnerei werden die
Spitzenleistungen, die wir schon unter den ersten Münsterbaumeiftern Parler
finden (Tragsteine an den Hauptschiffpfeilern, Propheten an den Chorstrebe-
vfeilern), im Verlauf des 15. Jahrhunderts durch einheimifche Kräfte ersten
Ranges vermehrt (Multscher, Syrlin alt, der unbekannte Schöpfer des
Sakramentshäuschens). Und auch in der Malerei zeigen sich Schwaben
schon in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts bahnbrechend, indem sie erst-
mals statt der unpersönlichen Heiligenbilder wirkliche Menschen darzustellen
und handelnd in den Raum hineinzustellen suchen. Und unter diesen Führern
finden wir neben LukaS Moser von Weil (Tiefenbronner Altar 1431) und
Konrad Witz von Rottweil (1444) auch schon einen Ulmer Bürger, Hans
Multscher (1437), während in der Glasmalerei Hans Wild mit seinen zwei
Münfterchorfenstern (1480) eine Gipfelftufe erreicht.

Daß in der H o l z b i l d s ch n i tz e r e i diese sogenante „Ulmer Schule"
gleichfalls auf klassischer Höhe steht, davon reden Meisterleistungen wie das
Münfterchorgestühl und der Blaubeurer Hochaltar eine auch für den Laien
verständliche Sprache. Aber gerade auf diesem Gebiet lag für die Forschung
noch ein großes Neuland, wie sich im Lauf der Jahrzehnte durch die Fort-
schritte der staatlichen Inventaraufnahme der deutschen Kunstdenkmäler mehr
und mehr gezeigt hat. Während Steinbildwerke in gotischer Zeit meist nur
zum Schmuck größerer Kirchen geschaffen wurden und meist noch an ihrem
ursprünglichen Platz erhalten sind, und von den Gemälden das Wenige, was
auf uns gekommen, meist in öffentlichen Sammlungen geborgen und leicht
zugänglich ist, sind Holzbildwerke in unübersehbarer Menge an den entlegensten

s) Grüncisen u. Mauch, Ulms Kunstleben im Mittelalter (1854). Heideloff u. Mül-
ler, Die Kunst des Mittelalters in Schwaben (1855). Häßler, Ulms Kunstgeschichte im Mittel-
alter (1864). Presse!, Ulm und sein Münster (1877).

4) Hauptwerke aus dieser Zeit sind: Rudolf Pfleiderer, Das Münster in Ulm (1905) und
Münstcrbuch (1907). Marie Schütte, Der schwäbische Schnihaltar (1907). Paul Hartmann,
Die gotische Monnmcntalplastik in Schwaben (1910). K. Habicht, Ulmer Münstcrplastik (1911).
Julius Baum, Die Ulmer Plastik um 1500 (1911) und Ulmer Kunst (I9II). Vgl. auch M. Bach
in den Württ. Vierteljahrsbeften 17 (1908) S. 116.

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