Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

Seite: 112
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An dieser Lücke hat nun seit Beginn deS gegenwärtigen Jahrzehnts eine
dritte Welle von Schriften eingesetzt, die auch der Laie nicht unbeachtet
lasten darf. Denn wahrend im vorigen Jahrhundert das Kunstverständnis
auf Fachkreise beschränkt war, ist seither das Intereste für bildende Kunst und
Kunstgeschichte Gemeingut breiterer Volksschichten geworden, dergestalt, daß
niemand mehr, der auf Bildung Anspruch macht, blind an den Kunstdenk-
mälern seiner Heimat vorübergehen und sich den Ergebnissen der Forschung
darüber verschließen darf.

Da die staatliche Inventaraufnahme im württembergischen Oberschwaben
erst halb fertig und im bayerischen Schwaben noch gar nicht begonnen ist, so
haben sich im neuen Jahrhundert einzelne Forscher die Mühe gemacht, plan-
mäßig von Dorf zu Dorf zu ziehen, um alles noch vorhandene Material zu-
tage zu fördern. Und eine gewiffe amtliche Förderung ist dieser Entdeckerarbeit
zuteil geworden durch die Universität Tübingen unter Führung von Professor
Dr. G. Weise, der eine seiner begabtesten und fleißigsten Schülerinnen,
Or. MI. Gertrud Otto, dazu veranlaßt und dabei unterstützt hat, die ent-
legensten Winkel Süddeutschlands nach Schätzen gotischer Kunst, vornehmlich
der Ulmer Schule, zu durchstöbern.

Der stark hundertjährige Zeitraum ulmischer Bildnerei, dem diese neuesten
Forschungen gewidmet sind, läßt sich wiederum in vier Abschnitte gliedern, die
wir unö volkstümlich als vier Jahreszeiten vorftellen können unter Beifügung
je eines LeitnamenS: Vorfrühling (Meister Hartmann), Frühling (Multscher),
Sommer (Syrlin der Ältere), Herbst (Syrlin der Jüngere). Die erste Ver-
öffentlichung der genannten Forscherin, erschienen 1924°), war dem „frühen
15. Jahrhundert" gewidmet, also dem „V o r f r ü h l i n g", aus den, uns nur
ein einziger Künstlername überliefert ist: Meister H a r t m a n n, der ausweis-
lich der Hüttenbücher von 1417 bis 1421 mit mehreren Gesellen die meisten
Steinfiguren des Münfterhauptportals gemacht hat°). Von Holzbildwerken
ulmischer Herkunft aus solch früher Zeit war bisher wenig bekannt. Die Ver-
fasserin vermochte aber doch eine ansehnliche Zahl solcher zu ermitteln (etwa 25),
freilich immer noch sehr wenige im Vergleich zu der Fruchtbarkeit der Spätzeit
auf diesem Gebiets, dem Kunftwert nach nicht gering zu schätzen, aber noch
mehr von böhmischen, rheinischen oder süd- (d.h. Bodensee-) schwäbischen Ein-
flüssen abhängig als von bodenwüchsiger Selbständigkeit.

NeueftenS hat uns nun dieselbe Forscherin durch ein zweites Werk über-
rascht mit dem Titel: „Die Ulmer Plastik der Spätgotik" (Reut-
lingen, GryphiuSverlag 1927; 30 M.). Eine freudige Überraschung ist in der
Tat schon daS Äußere: im Vergleich zu der bescheidenen Broschüre von 1924
mit 80 Seiten und 44 Abbildungen ein Prachtband von 342 Seiten mit
384 Bildern! Der Inhalt des Buches bringt uns allerdings zunächst eine
Enttäuschung. Während wir erwarteten, daß die Verfasserin dem „Vorfrüh-

, °) Heft 3 der Forschungen zur Kunstgeschichte Schwabens, Tübingen, Alex. Fischer.

") Vgl. hiezu die teilweise abweichenden Ausführungen von I. Baum in Heft 25 der Mitteilungen
des Vereins für Kunst und Altertum Ulm-Obcrschwabcn (1927).

7) Einige Beiträge zu diesem Kapitel hat I. Christa in den Ulmer Historischen Blättern von 1924,
Nr. I, geliefert, desgleichen I. Schöttl im Schwäbischen Museum 1928, S. 60.

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