Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

Seite: 114
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wiederum unsere Überraschung um so größer, wenn wir aus dem Buch erst-
mals einen vollen Einblick in den fabelhaften Reichtum gewinnen, den die
Nachwelt diesem „Herbst" der Ulmer Spätgotik zu verdanken hat. Zwar im
großen und ganzen war es ja schon bekannt, welch ungewöhnliche Fruchtbarkeit
diese letzte Stufe der Gotik, die sich auf wenige Jahrzehnte zusammendrängt,
gerade in der Erzeugung von Flügelaltären entfaltet hat, dergestalt, daß das
Münster schließlich deren 60 enthielt, und daß auch sonst fast jede Kirche und
Kapelle in Stadt und Land mindestens einen solchen Altaraufbau besaß
durch wetteifernde Stiftungen des Adels, der Geistlichkeit und der Bürger.
Aber wenn wir den gesamten Bestand so vollständig gesammelt finden wie in
diesem Buch, so ist doch selbst der Fachmann erstaunt über diese Fülle der uns
überlieferten Holzbildwerke der „Ulmer Schule". Während die Steinbild-
nerei in dieser Spätzeit sehr zurücktritt, führt uns das Buch nicht weniger als
380 Holzschnitzwerke aus diesem Halbjahrhundert spätester Gotik von etwa
1475 bis 1525 im Bilde vor. Dabei ist mehrfach auf Abbildungen der be-
kannteren Bildwerke, die schon in früheren Druckschriften veröffentlicht sind,
verzichtet; auch sind bloße Ornamentschnitzereien, wie Chorstühle und Toten-
schilde, außer Betracht gelasien. AuS 246 Standorten ist der Stoff zusammen-
getragen. Der weitaus größten Zahl nach sind es Orte in Schwaben oder
dessen Nachbargebieten; aber auch in Berlin, Köln, Aachen, Bremen, Lübeck,
Wien, Paris, London und Nordamerika hat die Verfasserin verschleppte
Stücke aus der „Ulmer Schule" aufgespürt.

Diese Menge des VergleichsftoffS hat es der Forscherin, die mit dem
Rüstzeug einer scharfen Beobachtungsgabe und „mit der Geduld einer in
weiblichen Handarbeiten Geschulten" selbst in den kleinsten Ähnlichkeiten und
Unterschieden der Gewandhaltung und deö Faltenwurfs Fingerzeige fand,
ermöglicht, in weit größerem Umfang als bisher die einzelnen Figuren be-
stimmten Meistern zuzuweisen und das Dunkel der Urheberschaft zu erhellen.
Zwar erfahren wir außer den schon bekannten Meifternamen Jörg Syrlin,
Michel und Gregor Erhärt, Martin Schaffner und Daniel Mauch keine
neuen. Aber die Art der einzelnen Künstler hebt sich nun viel deutlicher von-
einander ab und die Fruchtbarkeit und Leistungsfähigkeit der Ulmer Künftler-
schaft jener Periode tritt uns um so überwältigender entgegen. Neben den be-
kannten Meistern werden uns mindestens fünf selbständige Holzbildhauer-
Werkstätten UlmS nebst vier Abzweigungen der Syrlinwerkstätte aufgezeigt,
deren Inhaber uns nicht mit Namen bekannt sind, sondern von der Ver-
fasserin nach einem ihrer Hauptwerke bezeichnet werden.

An Ergiebigkeit alle anderen überragend tritt der jüngere Syrlin mit
seiner Werkstatt hervor, die über dreißig Jahre lang blüht (1482 — 1514),
und der ein Drittel des Buches mit 123 Abbildungen gewidmet ist. Auch in
bezug auf Kunftwert seiner Leistungen wird er höher gestellt als von manchen
früheren Beurteiler«, die ihn ebenso wie seinen Vater nur als „Schreiner"
gelten lassen wollten. Mit überzeugenden Gründen schreibt ihm die Verfasse-
rin die Altäre von Adelberg und Reutti und den Sebastiansaltar in der Neit-
hartkapelle zu, ferner die Holzfiguren in den Laibungen des Münsterhaupt-

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