Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

Seite: 120
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Von der Stuttgarter Ausstellung im Diöjesanjubilüumsjahr:

Sieligwse ßun(i Der löegenmsrt.

Von N. A. S p e k t a t o r.

Unter günstigen Vorzeichen hat in den letzten Wochen') das neue Stuttgarter Kunst-
gebäude am Schloßplatz seine Pforten einer eigenartigen, wenn nicht einzigartigen, seit
Bestehen des neuen Baus jedenfalls erstmaligen Kunstschau geöffnet: es sollte ein Überblick
über daS Schaffen gegenwärtiger, vorwiegend württembergifcher, nicht ausschließlich katho-
lischer Künstler auf dem Gebiet religiös-kirchlicher Architektur, Plastik, Malerei und Gra-
phik geboten und damit weiteren Kreisen gezeigt werden, welche künstlerischen Kräfte der
Gegenwart sich in den Dienst der christlichen Kirche, ihrer Ideen und ihres Kultes stellen,
wie das neue religiöse Gefühl in neuer Formensprache sich auswirkt. Ein Wagnis war es,
ein kühner, aber auch kluger, gescheiter Gedanke, im Anschluß an die glänzend verlaufene
Jahrhundertfeier des Bistums Rottenburg auf die bei ähnlichen Säkularfeiern übliche
Rückschau auf daö Schaffen der betreffenden GemcinschaftSkräfte im abgelaufenen Zeit-
raum zu verzichten, sie wäre wohl ebenso wie auch auf den verschiedensten profan-künst-
lerischen Gebieten der meisten Epochen des 19. Jahrhunderts nicht in allweg erfreulich aus-
gefallen; vielmehr sollte an deren Stelle eine Umschau über die vorwärtsdrängenden künst-
lerischen Ideen und Formen auf religiös-künstlerischem Gebiet veranstaltet werden.

I.

Unter der Fülle von Kunstausstellungen, die sich Woche für Woche und Monat für
Monat förmlich jagen im Umkreis aller größeren Städte, darf die Mitte Juli eröffnete
Schau über religiöse Gegenwartskunst eine besondere Note beanspruchen. Mit Recht hat
ein Kunstkritiker im „Schwäbischen Merkur" (Nr. Z46v. 26. 7. 1928) diese neueste, schöne
und des Studiums werte Schau im Stuttgarter Kunstgebäude als Zeichen religiösen Wie-
dererwachens überhaupt und als Beweis gebucht, daß die bildenden Künste nicht mehr wie
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschehen, sich fast ausschließlich der Schil-
derung des Profanen zuwcnden, sondern sich wieder in den Dienst der christlichen Kirche
stellen. Noch im vorigen Jahr anläßlich der Jubiläumsausstellung des Württcmbergischen
Kunstvereinö glaubte ein Beurteiler, der nach Werken religiösen Einschlags auf dieser,
dem hundertjährigen Bestehen des Kunstvereins in Stuttgart gewidmeten Veranstaltung
suchte, sich der Klage eines berufenen rheinischen Kunstkritikers anschließen zu müssen, auf
nationalen und internationalen Ausstellungen sei die wesentlich religiös gerichtete Kunst
am Verschwinden. Und doch könne und müsse hinsichtlich des Inhalts wie der technischen
Mittel das religiöse Bild auf allgemeinen Künstlerrevuen neben „der Masse unsäglich
langweiliger Auöstellungöbilder profaner Sujets ... aller möglicher Malerschulen ...,
und sei auch ihr Hauptziel, nur Kakteen zu stilisieren, seine Gleichberechtigung als eigenbe-
ständiges Kunstwerk fordern —wie einst ungezählte Jahrhunderte durch, so auch jetzt noch"").
Daß jene kritische Stimme des schwäbischen Spektators auch am Neckarstrand gehört und
so rasch erhört ward, darf der Verfasser der zwei Spektatorartikel in unserer Diözesanzeit-
schrift wie deren Herausgeber als erfreulichen Erfolg und als Anfang einer Rehabilitierung
des religiösen Kunstwerks auch in öffentlichen Ausstellungen des Landes buchen.

Dank sei vor allem dem Württcmbergischen Kunstverein und seiner einsichtsvollen
Leitung auch an dieser Stelle ausgesprochen, daß der ältere und stärkere Bruder im frei-
geborenen, weltoffencn Stand mit den» jüngeren, kleineren im geistlichen Gewand, dem
Rottenburger Diözesankunftvcrein, zusammengewirkt und daö Zustandekommen der Stutt-
garter Ausstellung für religiöse Gegenwartskunst ermöglicht und gefördert hat. Ein weiterer

') So geschrieben und auch gesetzt im August für das 3. Quartalheft und aus technischen Gründen
auf das ebenfalls ohne Schuld d. Red. stark verspätete Heft 4 übernommen. Auszugsweise veröffentlicht
in RemSzeilung (Gmünd) Nr. 272 ff.

2) Siehe Archiv f. chr. K. 1927, S. 126.

3) „Archiv" 1927, H. 3, S. 17 f.; H. 4, S. 133 ff.

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