Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

Seite: 122
DOI Heft: 10.11588/diglit.15946.24
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15946.26
DOI Seite: 10.11588/diglit.15946#0126
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1928/0126
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
wollenS und Könnens auch auf kirchlichem Gebiet, leugnet aber nicht das Krankhafte
mancher Strömungen in der modernen Kunst, besonders der Malerei und Plastik, die
unbedingt von unseren Kirchen ferngehalten werden müßten. „A uf Ausstellungen
sollte auch ein Katholik k ü h n e Neuerungen ertragen lernen,
wenn man dann auch ein begründetes, wenn auch nicht verzerrtes und gehässiges Wort der
Kritik sprechen wird, weil man glaubt, diese Art für unsere Kirchen als nicht mehr geeignet
zu erachten." Jedenfalls ermöglicht die Stuttgarter Ausstellung, die wohl erstmals seit der
Jahrhundertwende in solchem Umfang religiöse Gegenwartskunst zeigt, diese Gelegenheit.
Sie läßt uns die Keime neuen Kunstwollenö, das Ringen nach künstlerischem Ausdruck der
GotteSidee, um die jede Zeit und jeder Stil in ihrer Art sich seit Jahrtausenden anders
gemüht (keine in absoluter Vollkommenheit), die Art der Versuche, religiöses Empfinden
neuzeitlich zu gestalten, in den verschiedensten Künftlerpersönlichkeiten unserer Zeit und
unserer Heimat kennenlernen. Wie die alten Zeiten das Recht zu einem neuen Stil hatten,
so kommt es auch unserer Zeit zu. Wie jeder schaffende Meister, so hat auch der redlich
strebende Künstler unserer Tage das Recht, zu verlangen, daß man sich vor verdammender
Kritik am Ungewohnten in Geist und Absicht feines Werks versenke, das schöpferische
Wollen und das geschulte Können anerkenne, religiöses Empfinden Person und Werk nicht
abspreche. Mängel, UnauSgereiftes, Überstiegenes brauchen deshalb weder übersehen noch
verschwiegen zu werden. Auch von dem Gang durch diese moderne Bildergalerie gelte das
Wort Böhmers, das der selige Rottweiler Kirchenrat Dr. Dursch 1870 vor seinen alt-
deutschen Bildwerken beachtet wissen wollte: „Wer mit der Kritik beginnt, beraubt sich
einfach der Möglichkeit künstlerischen Verständnisses"^).

II.

Wenn nach einem mehrfach gehörten Ausspruch Kunstausstellungen nicht bloß anregen,
sondern auch aufregen sollen, und gerade eine erstmalige Schau moderner religiöser Kunst
im Gebiet unserer Heimatdiözese manche Geister mehr auf- als anzuregen geeignet ist, so
werden einige der vorausgeschickten Leit- und GeleitSgedankcn erst recht nicht überflüssig
erscheinen. Indes, obwohl noch mancherlei derartige Fragen, gelöste und ungelöste, dem
nachdenklichen Beschauer, vollends einem Spektator, der Vorgeleite geben soll, auf dem
Herzen liegen, müssen wir uns beeilen, aus der Vorhalle der Gedankensammlung in die
Haupträume der Kunstsammlung einzutreten. In zehn Sälen — ohne den größten, wohl
anderen Zwecken vorbehaltenen Kuppelsaal — sind die Werke von etwa 60 Ausstellern nach
den vier Hauptgebieten der Kunst: Malerei, Bildhauerei, Baukunst, Graphik, übersichtlich,
bisweilen etwas eng zusammengedrängt, verteilt. Das kirchliche Kunsthandwerk, Gold-
schmiedekunst, Glasmalerei, Kleinkunst, ist von Anfang an für diese Kunstschau ausgeschieden
geblieben. Ein kleiner Gratiskatalog nennnt nur die Namen der Künstler mit der
Saalnummer, darunter wohlbekannte vom schwäbischen Hcimatlande neben manch neuen
Namen. Durch den Vorsaal mit R i e b e r S großer Kreuzigungsgruppe und den Reliefs
von Wahl und Z e i t l e r treten wir in die eigentlichen Ausstellungssäle, deren größere
Zahl der Malerei gewidmet ist, jedoch nicht ganz ausschließlich, zwei kleinere der Plastik,
einer der Graphik, der letzte große der Architektur.

I. Malerei.

Von den Wänden herab leuchten die Farben, sie leuchten nicht nur, sondern schreien und
schmettern teilweise durch die Säle ihre farbigen Klänge. Aus dem reichbesetzten Orchester
kann man als Leitmotive drei tonangebende württembcrgische Meister mit ihren Stuttgarter-
Schulen heraushören: Christian Landenberger, den jüngst verstorbenen, aus Balingen
gebürtigen Maler, und die noch lebenden Professoren Adolf Hölzel und Heinrich Altherr;
daneben ragen noch einzelne selbständige Köpfe. Von H ö l z e l S Meisterhand, der allein
ausgestellt hat, stammt das große, Kruzifixbild, eine frühe Fassung seines Gemäldes in
der Ulmer evangelischen Garnisonskirche (Preis 2000 Mark), ergreifend in seiner den ganzen

*) Vgl. „A. f. chr. K." 1928, S. 51.

122
loading ...