Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

Seite: 123
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großen Körper übcrgießenden blassen TodeSgelbe, auf dem einsamen Hintergrund der blauen
Himmelslust, ferner die mit jener ernsten Strenge und Monumentalität kontrastierende far-
benprächtige Anbetung der Heiligen drei Könige in der Stuttgarter Gemäldegalerie, bei dem
die herrlichen Farbenakkorde des Rot und Gelb aus der Häuserdekoration wie aus den Ge-
wändern der künstlerisch komponierten, gesetzmäßig aufgebauten Personengruppe klinge».
Sein Entwurf zur Bergpredigt und seine „Studie zur großen Mutter mit den Engeln",
die dem Jesuskind die Brust reicht, scheinen noch stärkere malerische Wirkung zu erzielen.
Unter Hölzels Einfluß steht besonders Maria Hiller-Föll (Stuttgart), deren
Madonnen in Farbe und Ausdruck gewinnend wirken, indes durch ihre etwas spielerischen
Züge — bei Madonnenbildern, vollends von Frauenhand, wohl nicht ganz unberechtigt —
selbst nach einem Kritiker im „Staatsanzeiger für Württemberg" (27. Juli 1928,
Nr. 174) „die spezifisch religiöse Stimmung häufig trotz Anklängen an die Bilderwand"
beeinträchtigen sollen; das Gesicht der einen fast an der Sixtina Schweben erinnernden
Maria eignet in der Kunst der Vergangenheit einer Mutter Anna. A. L. Schmitts
(Möhringen a. F.) Pieta und seine Ehebrecherin vor Christus zeichnen sich mehr durch
wohlgefügte Komposition als durch Farbensprache aus; Kreuzabnahme und Kreuzigung
erscheinen nach älterem strengeren Maßstab mehr als Farbcnskizzen. Heinrich Eber-
hard (Stuttgart) zeigt eine „Begegnung" betitelte Farbenkomposition „voll wohl-
lauter Farbenmelodie", nach F. Sch. (in der „Süddeutschen Zeitung" v. 16. Juli 1928,
Nr. 327) eine mysteriöse Entwicklung aus der farbigen Flächeneintcilung im Sinn der
Hölzelschule, nach einer anderen Stuttgarter Stimme als „ziemliche Anforderung an de»
naiven Beschauer" mit Recht beurteilt. Das farbenprächtige Bildchen wirkt wie Glas-
mosaik oder Transparent. Die Bildform seiner großen, im Aufbau trefflichen „Pieta"
(3000 Mark) ist zu sehr dem Kubismus ausgeliefert, als daß das noch erträglich gestaltete
Antlitz Christi in solch verzerrter Umgebung religiös ansprechen könnte; nur die geheimnis-
volle Bildbeschriftung (IAI — IVIN?) trotzt der kubistischcn Umbrechung.

Theodor Walz' (Stuttgart) Palette stehen ebenfalls starke Dosen leuchtenden
Kolorits zur Verfügung, in das er seine, teilweise klassischen Vorbildern angeglichencn,
meist edel empfundenen Gestalten kleidet. Seinen heiligen Familien eignet Geschlossenheit
im Aufbau, formale Durchbildung im Gegensatz zu anderen ex- und impressionistischen
Gemälden und, mit Ausnahme seiner eigenen kleinen Madonna, ein reichfließender
Kolorismus, teils liebliche, teils herbe Züge, besonders in seiner grünewaldisch empfundenen
Kreuzigung"), nicht ohne bisweilen theatralische Gesten, in die auch manchmal sein Schwarz-
wälder Kunstgenüsse August Blepp (Weilen u. R.) zu verfallen scheint. Während
Th. Walz' Gemälden im allgemeinen das Religiöse nach Auffassung und Wirkung nicht abge-
sprochen werden kann, scheint in seinem ganz impressionistisch inspirierten St. Augustin mit
dem wasserschöpfcnden Knäblein das rein technische Problem, die Wiedergabe von Luft- und
Wasserstimmung, den religiösen Gehalt der Legende von dem Ergrübler des DreifaltigkcitS-
geheimniffes fast ganz in den Hintergrund gedrängt zu haben. Die geistige Größe des
Säkularmenschen und Heiligen von Hippo ist nicht zum Ausdruck gebracht, höchstens ein
bettelnder, geld- und geiftesarmer Minderbruder begegnet uns am Meergestade, ein Miß-
griff oder eine Mißgeburt ähnlich dem Geyerschen Suso in der Ulmer SusokircheH.

B l e p p s Stationcnbilder, Christus am Ölberg und Mariä Empfängnis, hallen sich
von Übertreibungen und Überstiegcnhcitcn, die sich gerade auf diesem Stoffgebiet tummeln
können, ziemlich fern. Wer in das Antlitz des betenden und mit Sünde und Tod ringenden
Heilandes und selbst in die mitfühlende Landschaft beinahe noch mehr als in die freilich nach
biblischem Bericht schlummernden Apostelköpfe solche visionäre, ekstatische Kraft legen kann,
ist eines Kirchcnmalerö Ruf nicht unwert, mag auch der Farbengebung noch manches
Kitschige, Schreiende, JnnerlichkeitSbare anhaften. Einzelne Zeichnungen, Aquarelle, Gra-

5) Die „Kreuzigung", Ölgemälde, ist zu,Mark 500 taxiert. Die zweite „Hl. Familie" zu Mark 900
war verkauft am Eude der AuestclluugSzeit.

6) Ausführlichere Würdigung von 2 religiösen Bildern Walze aus der Jubiläumsausstellung des
Kunstvereins 1927 findet sich im Archiv für christl. Kunst 1927, S. 98/99.

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