Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

Seite: 124
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phiken (Radierungen) und Freskenentwürfe (für die Kirche in Baisingen) lasten weitere
Fortschritte, eine Höherentwicklung über etliche Tafelbilder hinaus erkennen.

Wilhelm Geyer, früher in Stuttgart, jetzt in Ulm, dessen zwei Tafelgemälde
Geburt Christi und Mariä Heimsuchung anläßlich der Zentenarfeier-Ausstellung des Württ.
KunftvereinS in dieser ZeitschriftT) mit kritischer Begeisterung gewürdigt wurden, ist ein
ganz Eigener, ein zweifellos vielversprechendes Talent, ein stürmischer Kopf. Lyrisches und
Dramatisches vereinigen die genannten Bilder nicht in allweg zu reiner Harmonie ver-
schmolzen. Viel zarte Anmut umweht wie ein ätherischer Schleier seine Verkündigungs-
madonna, Licht- und Luftperspektive eigener Art, erträglich, ja bewunderungswert bei
formaler Durchbildung der Figuren, bei Führung der sensiblen Linie; jedoch von seiner auf
kilometerweite Entfernung berechneten Madonna muß das Wort des Kritikers der Stutt-
garter „Süddeutschen Zeitung" gelten: „ein temperamentvolles, interessantes Ungefähr
farbiger Flecken und Tonstufen". Jene Geyerschc Madonna mag ein künstlerisches Erlebnis,
sein für Liebhaber von Farbenerperimcnten, ein religiös-kirchliches wird eö kaum „erleben",
noch weniger als sein SeusefreSko in der neuen Ulmer Vorstadtkirche. Ob nicht seine
neue, ungebärdige Art am verlorenen oder wiedergcfundcncn Anschluß an das Vorbild
seines Meisters Landcnbcrger, z. B. dessen „Kreuzigung", ein vorteilhaftes Korrektiv finden
könnte, und so doch noch oder doch wieder das starke religiöse Erlebnis seines Künstlerherzens
durch seine zweifellos hochbegabte Künstlcrhand zum Durchbruch käme, aus der „Unruhe"
zu Gott hin, zur „Ruhe in Gott", wie ich VerkadcS Buchtitel umdeuten möchte? Es muß
angesichts des Ulmer Experiments und dessen wenig einstimmiger Belobung nachdenklich
stimmen, wenn noch ohne Kenntnis des gleichzeitig ausgeführten FreSkcnversuchS der gewiß
nicht kirchlich-konfessionell befangene Kritiker des „StaatSanzcigers für Württemberg" von
GcyerS Arbeiten urteilt, in deren teilweise wilder Technik hätten sich Erinnerungen an den
späten Corinth mit solchen an klassische Kompositionsvorbilder noch nicht richtig verschmolzen;
er strebe gewiß nach Eigenem, sei aber noch nicht zu reifen Leistungen gelangt. Jener schließt
gar sehr beachtenswert für den Maler und einen Teil seiner Kritiker: „E s w ä r e schade,
wenn kritiklose Lobredner ihm den Weg zur Selbstkritik jetzt
schon versperren würdens)."

Als Kolorist ebenbürtig reiht sich den genannten Malern der nach Hörensagen dem
Rheinland entstammte Friedrich Cothen-Orla (München) an; dessen Hausaltärchen
in Triptychonform knüpft an Dürersche oder Cranachsche Art an, dem munteren Spiel von
Engelkindern in der idyllischen Auöspinnung religiöser, biblischer und legendarischer Vor-
gänge ein erlaubtes Plätzchen einräumend. Mariavmit Jesuskind thront über poetisch auS-
gcmaltem Wiescngrund, zwei Heilige und ein Engelpaar flankieren die Mittelgruppe auf
den Flügeln. DaS bis an die Grenze des erlaubten Maßes im Farbcnschmuck gehende Werk
hat durch die fein abgestimmte Aufstellung und Umgebungswahl von seiner manchen viel-
leicht aufstoßcnden farbigen Vordringlichkeit zu seinem Vorteil verloren. Sein Heiliger
Sebastian (stehend mit Pfeil in der Hand) vereint gotische Gelassenheit mit modernster
Farbenrassigkeit.

Wer von diesem vielstimmigen Farbenkonzert in den ganz für Rudolf Kuhn
(Stuttgart) eingeräumten kleinen Saal HI trat, erlebte ein merkwürdiges künstlerisches
Gegenspiel: neben W. Geyer wohl das am meisten zukunftsschwere, umstrittenste Persön-
lichkeitsproblem der Jubiläumsausstellung. Auch er geht eigene Wege, aber nicht die der
Farbenherrlichkeit, die sich mehr oder weniger laut selber anpreift, sondern beinahe der
Farblosigkeit. Vielleicht stärker als bei anderen eigenwilligen Talenten verspürt man bei
ihm den Einfluß der Schule des heuer fünfzigjährigen Professors an der Stuttgarter
Akademie, Heinrich A l t h e r r. Wie die Hauptstärke des geschätzten Lehrmeisters der
Komponierschule, die Kunst des Aufbaus, d. h. der „Komposition", hat der Schüler auch
die kühle Melancholie der grauen und braunen Farbe geerbt. Der Sohn der Zwingliani-
schen Schweiz und eines Basler Pfarrhauses, so möchte man meinen, könnte weit eher als

7) Archiv für christl. Kunst 1927, S. 98.

*) Nr. 174 vom 27. Juli 1928, S. 4.

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