Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

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der Stadt Holbcins und BöcklinS dem kalvinischcn Genf seine Künftlerpersönlichkeit zu ver-
danken haben. Passionsbilder, die sein Schüler Kuhn bevorzugt, erhalten durch diese puri-
tanische Auswahl der Farbenskala einen noch weit schwermütigeren Ausdruck. Wiederholt
bearbeitet er das Ecce-Homo-Bild, die Verspottung Christi vor Pilatus; ferner malt er
die Beweinung Christi, Auferstehung, die Blindenheilung, Heilung des Knaben, Taufe des
Johannes am Jordan. Die kühle Luft seines immer wiederkehrenden Grau und Braun
erhellt und erheitert nur bisweilen das Rot eines Pilatusmantels. Die meisterhaft gehand-
habtcn linearen Kontraste und die einfache Abstufung der wenigen, düsteren Farbentöne
genügen nicht zu Altarbildern oder Wandschmuck von Kirchen, vollends einer schwer genug
lastenden Nachkriegszeit, höchstens für eine Krypta oder Totenbretter oder Tragödien-
kulissen. Dieser offenkundige, fast zu starke Mangel an frcudebringender Erhebung muß
leider dem talentvollen Maler solcher Bilder seinen Weg ins Gotteshaus und PrivathauS
erschweren — einer Schulmarottc zulieb? Sein Gemälde, „Höheres Leben" betitelt, ein
Heiliger mit Kruzifix vor der Brust, zeigt einen kraftvollen Heiligentypus, dem Kopf eines
heiligen Philipp Neri nicht unähnlich. Auch bei weiterer Entfernung muss das bei einzelnen,
wie Geyer, Kneer, Kuhn, Mode werdende Nichtmalcn des Fensters der Seele, des Auges,
bzw. dessen technisch einfache Verhängung durch einen schwarzen Faustflcck den düsteren
Eindruck solcher Malerei verstärken.

Etwas angesteckt von dieser neuesten farbigen Mattigkeit, zugleich in alten Geleisen
herkömmlicher Schemen zeigt sich Edmund S t i e r l e (Stuttgart), dessen religiösen
Bilde n, wenigstens nach den ausgestellten Freskenskizzen: Mariä Krönung, die köstliche
Stimmung seiner Dorfkirchenmotive von Eyach und Bodensee — auf der letztiährigen
Jubiläumsschau des Kunstvereins zu sehen — abgeht. Der Münchener Akademieprofessor
K a r l C a s p a r, ebenfalls unser Landsmann, ist nur mit zwei kleineren Werken vertreten.
Das eine, Johannes auf Patmos, zeigt die Mystik der Farbengebung in Landschaft und
Gewand dcS Apostels der Liebe und apokalyptischen Sehers. Dieser Glanzleistung gegen-
über flaut das andere, der heilige Franziskus, in Form und Farbe bedeutend ab. An H e r-
m a n n T i e b e r t s (Jsny) Dekansporträt in Öltempera (Monsignore Marquart, Jsny)
bewundern wir neben der wohlgelungencn Porträtähnlichkeit und trefflichen Charakteristik
seines Modells die alte, solide, LeiblS würdige Technik, die liebevoll oder cntsagungsreich
feinste Ziselierarbeit in der Wiedergabe der Ornamentik des Ornats leistet (2502 Mark!).
Durch volkstümliche Naivität erfreuen die Malereien eines Jakob Bräckle (Winter-
reute, OA. Biberach), dessen Vogelpredigt des heiligen Franziskus etwas primitiv in Form
und Farbe wirkt und bäuerlichen Szenen und Gestalten abgclauscht scheint, ohne höhere
Ansprüche zu erheben; eines Karl Stirner (Ellwangen), der durch seine Ellwanger
Mappe sich vorteilhaft eingeführt hat und durch die Reproduktionen des Schwabcnverlags
weiteren Kreisen bekannt geworden ist. DaS Hochamt in St. Peter, Jesus auf dem Palm-
csel u. a. sind Kleinodien liebenswürdiger Kleinmalcrci und feiner Holzschnitt-Technik.

Lassen wir hier nach dem Prinzip des Gegensatzes Vertreter grosser, monumentaler
Kirchenmalerci wieder einreihen, so heben wir zuerst den am äußersten Ende des letzten
Architektursaales angebrachten Mosaikentwurf dcS Professors Joseph Eber; (Mün-
chen) hervor, der für die Hans Herkommer übertragene neue Friedenskirche in Frankfurt
am Main Christus mit der Dornenkrone auswählte, ein alter Katakombenmalerci und früh-
mittelalterlicher Apsidcnmosaik würdiger Vorwurf von grandioser Wirkung. Von Alois
Schenk (Gmünd) interessieren mehr als die für SießenS Franziskanerinncnklofterkirche
bestimmten Darstellungen aus dem Leben des heiligen Ordensstifters die Apostelköpfc, Aus-
schnitte aus dem Hochaltar der Stadtpfarrkirche in Neresheim, wo er mit der Anpassung
an den Barockstil der Kirche seine Eigenart zu verbinden weiß. Seine grosse Kreuzigungs-
gruppe ist ebenso figurenreich als farbenprächtig; neben grotesk verzerrten Gestalten in
El Grecos Art Köpfe voll Leben und Ausdruck. Seine Flucht nach Ägypten, ein kleines
Olbergbild, überragt in Form und Farbe ein Madonnenmotiv in fließend feiner Linien-
schwingung. Tiefsinnig in der Gruppierung, abwechslungsreich in Haltung und Ausdruck,
aber teilweise herkömmlich schematisch in der Ausführung sind die Köpfe von Heiligen, die
für die Kapelle in der letztjährigen Berliner SezessionSauöftellung Albert Müller

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