Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

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(Stuttgart) gemalt hat, drei lange, schmale Kaseinftreifen auf Pappmaffe als Pfeiler- und
Nischenbekleidung, ein farbenreicher Kommentar zu dem Heiligenkatalog des Tedeum.

Joseph Kneers (Stuttgart) Christus und Johannes eignet gewiffe Monumen-
talität, deren Wirkung für Nähe und wohl auch teilweise Ferne die Unsitte der Augen-
blende, wie bei einigen andern Modernsten, etwas beeinträchtigen mag. Geistvoll, vielleicht
von einiger spielerischer Geistigkeit, ist Albert B i r k l e ö (Berlin-Halensee) Entwurf
für die Bemalung seiner hohenzollerischen Heimatkirche Wessingen.

Sind auch die extremsten Auswüchse von Expressionismus und Kubismus ausgeschlossen
geblieben von dieser neuesten Stuttgarter Ausstellung religiöser kirchlicher Kunst, so hat
doch mehr als ein Nachdenklicher sich zu kopfschüttelndem Fragen veranlaßt gesehen vor
Franz Bayers (Klöcken-Oberzell bei Ravensburg) Gemälde. Auch die Unterschrift
„Weihnacht" löst nicht die Fragezeichen, die unter die muschelförmige oder schiffähnliche
Arbeit der dunkelfarbigen Spachtel des Oberschwaben zu Inhalt und Form geschrieben
werden müssen — ein Sphinxrätsel für die größte Mehrzahl unverbildeter, nicht unge-
bildeter Gehirne und Gesichter! Und doch soll diese „Weihnacht" auf den Stuttgarter
Referenten einer großen rheinischen Zeitung von allen Gemälden den größten Eindruck
gemacht haben")!

Für die Zukunft der religiös-kirchlichen Malerei in Württemberg werden wir auch von
anderen Künstlern unter den 37 ausstellenden Malern und Graphikern hoffen dürfen, so
von dem Riedlinger Albert B u r k a r t in München, dessen Madonnenkopf floren-
tinischc, präraffaelitische Art und sauberste Technik verrät; von Joseph Braun
(Leipzig), an dessen realistischer Kreuzigung der titulus crucis nur in zwei statt drei
Sprachen angebracht ist; von Leo HubertBraun (Stuttgart), dessen beide Sebastian-
darstellungen gutes kompositorisches Können verraten, ebenso wie Aug. Brauns
Wangen i. A.) Kreuzigung mit merkwürdiger Schächerdarstellung.

2. Bildhauerei.

Es ist wohl nur der Not der schweren Zeit, der schweren Not der Nachkriegszeit zuzu-
schreiben, wenn Namen und Werke der Plastiker an Zahl (14) und Bedeutung hinter der
Malerei etwas zurückftehen; vor allem aber verschuldet sie eS, daß wir bei der Stuttgarter
Ausstellung die Schöpfungen der religiösen Plastik, statt im Originalstoff von Holz und
Stein, Marmor und Ton, vielfach nur in Gips, getönt oder ungetönt, zu sehen bekommen.
Ohne zunächst ein Urteil darüber fällen zu wollen, ob mit der Quantität auch die Qualität
der Skulpturen hinter den ausgestellten Gemälden rangiert, feien die wichtigsten Vertreter
der religiösen Plastik aufgeführt. Schon in der Vorhalle fällt KarlRieber (München),
aus Unlingen, der Heimat des großen Bildhauers Professor Joseph von Kopf, gebürtig,
durch seine überlebensgroße (3 und 2-4 Meter) Kreuzgruppe: Christus mit Maria und
Johannes auf, die für die neue Canissuskirche in Friedrichshafcn in Crailsheimcr Muschel-
kalk ausgeführt werden soll. Neben seinen Reliefs aus der Legende des heiligen Nikolaus
in Keramik ist besonders seine innige Chriftus-Johannes-Gruppe zu werten, die an daö im
letzten Jahrzehnt vielverhandelte — im Kunftwissen wie im Kunfthandcl — Künstlermotiv
mittelalterlicher Mystik anknüpft und in freier, neuer, an Lehmbrucksche Gestalten erinnern-
der Form variiert: Christus steht, feinen linken Arm um Johannes' Schulter legend; Gesicht
und Hände reden vornehmliche Sprache, wenn auch der Zeitmode hagerer Länglichkeit preis-
gegeben (Preis 750 Mark). Starkes Kompositionstalent verraten auch: BewcinungSrelief,
kleine Kreuzigung in Bronze (1050 Mark) und andere Skizzen. Noä, mehr Lehmbrucksche
Art oder Einfluß seiner Schule zeigen Karl Eiseles (Stuttgart) Figuren mit ihrer
schlanken Körperlichkeit und naiven Miencnsprache, wie St. Sebastian (Körper am Baum
kauernd), für Geislingen (OA. Balingen) als Kriegerdenkmal bestimmt, Madonna mit
Halbmond (vom Kunftverein angekauft), und besonders Pieta (in Kunststein 800 Mark,
Motiv der stehenden Leidensmutter), dekorativ wirkende Hochreliefs von persönlicher
Eigenart.

9) „Kölnische VolkSzcitung", Ende Juli 1928.

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