Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 43.1928

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Eine Künstlerindividualität scheint sich in dem Waldseer Max Strobel zu ent-
wickeln, besten Madonna ohne Übertreibung oder ohne Abschwächung des allzu häufig
gebrauchten Wortes wirklich „entzückend" wirkt. Maria, in Haltung und GcsichtSauSdruck,
besonders in der feingeschwungenen Körperlinie bewunderungswürdig, kniet vor dem Jesus-
kind, das im Kelch einer erotischen Blume sitzt. Die Gruppe (590 Mark, verkauft) ist
„Ehrfurcht" betitelt, bekundet eine erfrischende Originalität und Naivität von Schiestlscher
'Dualität. Paul S ch e u r l e ö Madonna, sitzend, kleine Holzfigur mit musizierenden
Engeln zu Füßen, gefällt durch ihre altdeutsche Charaktersprache; seine vier holzgeschnitztcn
Kreuzwegstationen und sein hl. Sebastian halten sich ebenfalls an herkömmliche Ausdrucks-
formen. Auch in dieser leichtverständlichen Volkssprache, ohne in die trivialen oder vulgären
Mittel mancher Dialektdichtung zu verfallen, wissen eindrucksvoll zu reden einzelne Werke
konservativerer Richtung, wie Karl D e i b e l e s (Gmünd) Kreuzigungsgruppe in Holz-
relief, Theodor Schnelle (Ravensburg) kniender Engel voll feiner Silhouettcn-
gestaltung. Solch ruhige Formcnsprache, wenn sie sich nicht in unfruchtbarer, stereotyper
Wiederholung erschöpft und abnützt, verdient auch heute noch nicht das vielfache Verdikt
der Modernsten, das eher Repetitionen wie seine Thaddäusfigur verschulden mögen. Ob die
völlige Übergehung, welche die Arbeiten von Max S e i b o l d (München), Büste seines
Oheims, Bischof Paul Wilhelm von Keppler (f 1926), sitzende kleine Madonna, und
W i l l i S ch u st e r (Stuttgart), Medaillen, Madonna und biblische Szenen, in den Aus-
stellungsbesprcchungen von Blättern aller Richtungen erfuhren, als vox temporis oder
vox populi und damit auch als ablehnende vox Dei zu werten ist? Bei Heinrich
W a h l s (Stuttgart) Auferstehungschristus ist die Durchführung deö plastischen Motivs
gelungener als bei seiner Gruppe Jesus und Judas Ischariot, wo die Haltung Christi nichr
den Vorgang zu überzeugender Darstellung zu bringen vermag. Otto Heim (Stuttgart,
Kunstgewerbeschule) weiß in seiner eigene Wege gehenden Madonnenfigur formale Klarheit
mit fast abstoßender Primitivität zu vereinen. Ob der Einfluß von LörcherS Grabplastik
halb profaner, halb religiöser Zweckbestimmung nicht einer größeren Läuterung bei der Über-
tragung auf die höchsten Motive christlicher Kunst bedarf, um eine Einbuße an religiöser
Weihe zu vermeiden?

So klein die Figur, so fein ist die Wirkung der Madonna, die Professor Joseph
,3 e i t l e r (Stuttgart) in Bronze mit reicher Ornamentik geschaffen, nicht ohne Erinne-
rungen an des Beuroner P. Desiderius Lenz überschlanke Immakulata. Sein Verkündi-
gungsrelief ist streng stilisiert, wirkt trotz idyllischer Züge eigenartig, wenn nicht fremdartig.
Seine Freude an ornamentaler Stilisierung offenbaren noch mehr die für die Fideliskirchc
in Stuttgart bestimmten musizierenden Engel. E. S u t o r ö (Karlsruhe) Kruzifixskizze in
vergoldetem GipS schließt sich einerseits an altertümliche Vorwürfe an, übernimmt anderer-
seits von der Modernsten aparte, überschlanke Formen. Vielleicht trägt solcher Zwiespalt
zwischen Altem und Neuem und Neuestem, das Durchgangsstadium vom extremsten Erprcs-
sioniSmus zu konservativeren Gegenwarts- oder VergangenheitStypcn, zum Eindruck des
Unbefriedigenden, Halbfertigen, Unausgeglichenen bei, dem auch einzelne Arbeiten Fried-
rich T h u m a s (Stuttgart) zweifellos ausgesetzt sind. Am ergreifendsten wirkt seine
Pieta, ein Grabrelief. Die Holzreliefs für das Cannstatter Krankenhaus sind Allegorien
von Tugenden, wie Wohltätigkeit (Frau, Hungrige speisend), Barmherzigkeit (Durstige
tränkend); der Gute Hirte sucht süßlichen Verunstaltungen des alten Motivs aus dem Wege
zu gehen. Seine „rassigen" Evangelistcngestalten in der Kirche zu Degerloch werden immer
als tüchtige Leistungen Anerkennung finden. Möge die tiefe Innerlichkeit und starke Aus-
drucksfähigkeit seiner Figuren zur Klarheit der Form sich durchringen! Schließlich sei der
ansprechenden Tonfiguren von Verena von Heide r (Stuttgart) gedacht, die nach
Material und Thema mehr der Jdvlle zuneigen: „In guter Hut", „Ich lasse dich nicht",
„Erbarmen"").

,0) Bildhauer Wilhelm Fehrle-Gmünd, der für nicht wenige katholische Kirchenbauten
des Landes Statnen auf Altäre und Kriegerdenkmäler geschaffen, hat leider auf Beschickung der Ausstellung
verzichten muffen, weil alle feine religiösen Werke in Kirchen oder Privatbesitz sich befinden und eine
Garantieleistung von der Leitung nicht übernommen wurde.

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