Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

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Einen schlimmen Feind haben die ehrwürdigen Wächterinnen der Türme
allezeit auch im Frieden. Das elastische, spannungsreiche Material der Bronze-
glocken, die Mischung von Kupfer und Zinn kann leicht Riste und Sprünge
bekommen, vollends wenn irgendein Fehler in der Mischung der Metalle oder
im Guß oder in der Form oder schließlich beim Abkühlen vorkommt, von
anderen Mißgriffen beim Hängen und Läuten nicht zu reden.

//Jetzt, Gesellen, frisch,

Prüft mir das Gemisch,

Ob das Spröde mit dem Weichen
Sich vereint zum guten Zeichen."

Schon von dieser Prüfung, die nicht immer bestanden wird, hängt es ab,
ob es einen guten Klang gibt, wie Schillers unsterbliches Lied von der Glocke
bezeugt. Nicht immer erlebt der Gießer:

„Freude bat ihm Gott gegeben.

Sehet, wie ein goldner Stern,

Aus der Hülle, blank ünd eben
Schält sich der metallne Kern.

Von dem Helm zum Kranz
Spielt's wie Sonnenglanz."

Bisweilen geht statt der Form die Glocke in Stücke, und der Hammer, den der
Geselle „schwingt, bis der Mantel springt", muß das Metall zerschlagen und
wieder dem glühenden Ofen übergeben.

Aber auch die meisterhaft gegossenen Glocken haben kein ewiges Leben, so
dauerhaft sie auch sein können. An den Fingern einer Hand kann man die
allerältesten Werke aus dem 11. und 12. Jahrhundert zählen, die in Deutsch-
land bis auf unsere Tage sich erhalten haben. Die geringste Änderung in der
Atomzusammensetzung stört die Reinheit des Tons; Riste und Sprünge, Ver-
lust an Rippe und Gewicht ändert den Klang und erzeugt das „Schettern",
das selbst das Ohr des Unmusikalischen beleidigt. Ein einziger Mißton von
einer gesprungenen Glocke bringt die Gemeinde um das allen so erwünschte
harmonische Geläute. Wie Menschen, die lange Dienst getan, ihre Stimme
auf der Kanzel, in der Schule, auf der Bühne abgenützt haben, können auch
die ehernen Töner auf den Türmen heiser werden. Es gibt wetterharte Vete-
ranen unter diesen Glocken aus dem 13., 14. und 15. Jahrhundert, die noch
immer Dienste tun, aber auch schwache Greise, die ein kleiner Anstoß zu Fall
bringt. Aber wie bei besonders kräftigen Menschen ein kleiner Unfall, der
Schwächeren nicht schadet, verhängnisvolle Folgen haben kann, so bedarf es
bisweilen nur einer Kleinigkeit, um „den ehernen Riesen, den eine Reihe
kräftiger Arme kaum aus seiner Ruhe bringen kann, zu verderben oder
dauernd dienstuntauglich zu machen"'). Ein erfahrener Glockenkenner, Karl
Bader, nennt als solche Ursachen: Unbedeutende Verschiebung der Auslage im
Stuhl, die zuweilen nur durch leichte Turmneigung bedingt ist, Temperatur-
wechsel, zu lang andauerndes Geläut, große Winterkälte (z. B. Marienglocke
im Straßburger Münster 1519, trotz vorsichtigen Gebrauchs des leichteren,

2) Bader, K., Turm- und Glockenbüchlein, 1903, 137.

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