Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

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sog. „Winterklöppels"), oder sei's auch nur der Scherz läutender Schulbuben,
die Kappe in die schwingende Glocke zwischen Mantel und anschlagenden Klöppel
zu werfen. So bezeugt die an dritter Stelle genannte Ursache des Springens
die Inschrift einer 1840 umg eg offenen Glocke der Elisabethenkirche zu Mar-
burg an der Lahn:

„Bei einem Klagegeläut um einen Kaiser sprang ich (1792),

Des Meisters Henschelö Kunst und Glut bezwang mich,

Und neuen Klang und schönere Form errang ich')."

Das einzige Mittel, all diese Schäden wieder gutzumachen, war und blieb
das Einschmelzen, die Rückwanderung der Bronzeglocken in die Gießhütte.
Wohl war der Metallwert der im Klang gestörten Glocke gerettet, aber zer-
stört war und blieb für immer der Kulturwert, das geschichtliche und kunst-
geschichtliche Eigenleben der Glocke, all die Poesie und Herzenswärme der Be-
gleiterin des Menschen von der Wiege bis zum Grabe, all der Zierat, den
Kunst und Opfersinn der Vorfahren dieser höchsten Mitbürgerin in der
Türmerwohnung mitgegeben für den Gang in die fernsten Jahrhunderte. Das
Feuer des Schmelzofens verzehrte den ganzen.Altertumswert des oft unschätz-
baren Denkmals der Vergangenheit; mit der Patina des Alters war all der
Reiz des geschichtlich Bedeutsamen verschwunden. Mochte auch gleich dem
Phönix aus der Asche die Glocke aus dem Gußofen verjüngt hervorgegangen
sein, selten ward die Güte des alten Gußwerks wieder voll erreicht. Aus einer
solchen 145 9 gegossenen, 1886 umgegoffenen Glocke des Bamberger Doms,
die wie der Phönix aus dem Feuer sich erhob, lieft man den köstlichen Spruch
in klassischem und doch mittelalterlich gereimtem Latein, das der neueren
Glockenepigraphik selten mehr gelingen will:

Corpore rupto ivi Phoenix
velut ille per ignem.

Det Deus, ut sonitu pacem
tantum modo signem4).

Die alten Glockengießer haben bekanntlich das Geheimnis der Klang-
wirkung gerade ihrer Rippe oder ihrer Metallmischung streng gehütet. Nur
die Sage weiß manchmal von zersprungenen Glocken zu erzählen, die ein
wandernder Geselle oder Meister von der Zunft der Büchsen,- Stück- und
Glockengießer aus wundersame Weise zu heilen verstanden. Es war die dritt-
größte Glocke im altehrwürdigen Münster der heiligen Elisabeth zu Marburg,
die beim Trauergeläut für den Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deut-
scher Nation Leopold II. im Jahr 1792 zersprungen war. Da hätten sich zwei
Glockengießer aus dem Bistum Fulda erboten, den Sprung mit Silber aus-
zugießen. Vierundzwanzig große Laubtaler hätten sie sich zu dieser Arbeit deö
AuSgießenS geben lasten. Aber statt mit Silber goffen sie den Sprung mit
Zinn aus und verschwanden mit dem Silber auf Nimmerwiedersehen').

Bücking, W., Geschichtliche Bilder aus Marburgs Vergangenheit, 1901, S. 157.
*) Zitiert im Archiv für christliche Kunst, 1885, S. 107.

5) Bücking a. fl. O. S.. 154.

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