Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

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II.

Wie die alten Sagen von den Flugversuchen eines DädaluS und Ikarus
erst in unseren Tagen zur Wahrheit geworden und uralte Menschheitssehn-
sucht in Erfüllung gegangen ist, so sollte auch der Traum vergangener Zeiten
von Glockenriffen und ihrer Heilung anders als durch verheerend Feuer sich
erst jüngst erfüllen. Dank der wenigen, um so wichtigeren auswärtigen Be-
ziehungen unseres „Archivs" lernte der Herausgeber gerade in den Tagen, da

Glocke in Gilching gesprungen

er seinem im kümmerlichsten Zustand übernommenen Organ daS „Zügenglöck-
lein" laut und leise glaubte läuten zu müffen, den Meister kennen, der sich ein-
zig bis jetzt auf diese Kunst verstand. Kurz ehe ich diese Zeilen niederschrieb,
hatte vor seinem „Haus am Berg" ein „Hanomag" mit dem Nördlinger Mei-
ster und ein großes Lastauto mit der ältesten Glocke Stuttgarts haltgemacht.
Die 1285 gegoffene Marienglocke der Stiftskirche wollte auf dem Rückweg
zur Heimat dem Referenten in Gmünd sich als geheilt, aus dem berühmten
Glockenspital zu Nördlingen entlasten auSweisen und die Heilungsprozedur in
Augenschein nehmen lasten. Dieses herrliche Gußwerk von wundervoller Rippe
hat nicht mehr die alte Bienenkorb- oder Zuckerhutform, sondern schon die
später übliche sog. „gotische Rippe", ohne Zierat aus dem Mantel; nur am
obersten Rand läuft ein Inschriftband in Majuskeln mit einzelnen Abkür-
zungen: „Alpha et 0. Meresonate pia populi memor estocMaria. Anno Domino
MCCLXXXV“. Wenn mein Laut erschallt, sei du, Maria mild, des Volkes
eingedenk! DaS apokalyptische Zeichen GotteS: Alpha, Osmega^, Anfang und

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