Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

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Die bewährte Firma Lachenmeyer (Nördlinqen) berechnet die Kosten ihres
Autogenschweißverfahrens pro Zentner zu 24 Mark; bis 50 Pfund wird mit
halbem Zentner in Anrechnung gebracht. Auch das Umschmieden des Klöppels,
Wenden der Glocke. Umändern des Beschlags sowie neue Lagerung besorgt
sie fachmännisch und billig. Je nach der Größe der Glocke benötigt die Aus-
führung der Arbeit zwei bis vier Wochen. Schwengel und Holzjoch sollen zum
AuSprobieren stets mitgesandt werden. Zehn Jahre leistet die Firma Garantie.
Begreiflicherweise findet-das Verfahren bei den Glockengießern Widerspruch,
denen eö eine ernste Konkurrenz schafft. Die guten Zeiten für die Meister der
Gießhütte sind dahin, seit die schmerzlichen Lücken aus unseren Kirchtürmen
im Lauf der zehn NachkriegSjabre ziemlich ausgefüllt sind. Aber den sämtlich
verarmten Kirchen ist der Nutzen der neuen Erfindung bzw. der erprobten
Anwendung des älteren Schweißverfahrens aus die Glockenspeise wohl zu
gönnen; kommt ja das Autogenschweißen um die Hälfte oder gar zwei Drittel
billiger als das Ein- und Umgießen, und dazu bleibt das alte Material erhal-
ten, das Alte wird wieder brauchbar.

Die jüngst geschweißte Glocke der Stuttgarter Stiftskirche, der weder
in einer Stuttgarter noch in einer Berliner Gießerei zu helfen war, ist nicht
die erste im Württemberger Land, die nach Nördlinqen gewandert ist zur
Rettung ihres Lebens. Vor ihr erlebten dort ihre Wiederauferstehung eine
Glocke in Fronhofen (Oberamt Ravensburg), ein Unikum nach Glocken-
gießer und Glockenschweißer (geschweißt 14. November 1928), mit ihrem drei
Minuten (180 Sekunden) dauernden Nachhall bei ihrer Größe (gegossen
1680, 16 Zentner schwer, ferner B e l l a m o n t (Oberamt Biberach),
Steinhaufen (Oberamt Waldsee), Mühlheim (Oberamt Tuttlingen),
Drackenftein (Oberamt Geislingen), Sch emmerberg (Oberamt Bi-
berach) und die erste Probe in unserem Lande, das RathauSglöcklein in
Friedin gen (Oberamt Tuttlingen).

Das biblische Wort vom ,,Prophet im Vaterland" sollte die Anerkennung
deS neuen Autogenschweißens von Glocken im Heimatland LachenmeyerS nicht
hemmen. Wertvolle, altehrwürdige Glocken wurden von baue r. Pfarr- und
Denkmalsämtern ihm anvertraut und zur vollsten Zufriedenheit in der Nörd-
linger „Schmiede" umgearbeitet, so die Glocke in der Pfarrkirche Gilching
bei München, die zu den allerältesten Glocken in Deutschland") neben der von
Jggensbach bei Osterhofen") gehört (der ältesten datierten Glocke Deutsch-
lands, vom Jahre 1144) und Ende des 12. Jahrhunderts, etwa 1180, ge-
gossen wurde, wahrscheinlich im nahen Kloster Schäftlarn. Der Stifter ist am
Schlagring in der nach hebräischer Art von rechts nach links gerichteten
Inschrift (romanische Majuskeln) genannt: Arnoldus Sacerdos de Giltikin
me fundi fecit (s. Abbildung 1 und 2; sie hat die uralte Zuckerhutform:
0,46 Meter hoch, 0,41 Meter Durchmesser). Dieser wird urkundlich mehrfach
erwähnt, so 1176 als Wohltäter des Klosters Polling bei Weilheim, ferner
1191 und 1194 in Freisinger Urkunden. Die erste, glänzend gelungene

8) Vgl. Oberbayer. Archiv I. 151; Diözesanbeschreibung II. S. 508.

9) Vgl. Ad. Ebner (später Ly;.-Professor in Eichstätt) cand. theol., Stranbing, im „Bayer. Kurier"
vom 4. Oktober 1882, Nr. 274.

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