Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

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Glocke eingeflößt und dadurch eine ganz innige Verbindung des zufließenden
und umgrenzenden Materials erreicht, was an dieser Stelle einem Neuguß
entspricht. Die Glocke kühlt sich ab, der Prozeß ist fertig". Wie andere
Experten, hat auch der Eichstatter Sachverständige die günstigen Wirkungen
dieses autogenen SchweißverfahrenS festgestellt, und zwar hinsichtlich der
Form der Glocke, der Festigkeit und Dauerhaftigkeit der Reparatur, des
Klanges und der Musik. Der Hauptvorteil und zugleich die Hauptursache des
guten Gelingens dieser Art von Glockenguß besteht darin, daß die geschweißte
Glocke im Gegensatz zu so vielen neugegossenen in völlig spannungsfreiem Zu-
stand ist. Die für manche Glocke verhängnisvollen Gußspannungen sind längst
auSgelöft, während nach dem Neuguß einer Glocke die einzelnen Stellen der
Wandung, weil nicht gleich stark, sich nicht gleichzeitig abkühlen. Nach Lachen-
meyerS Theorie bilden sich dadurch die sogenannten ,,Gußspannungen; diese
lösen sich je nach der SpannungSftärke mit der Zeit durch einzelne Über-
anstrengungen aus und bringen manche Glocke zum Zerspringen")". Ob die
geschweißte Glocke von gleicher Lebensdauer wie die gegossene sein wird, kann
von unS natürlich auS der Praxis nicht erprobt werden. Bei der Frage, wie
alt eine so geschweißte Glocke werde, verweist der auch im Scherz ernsthafte
Eichstätter Domkapellmeister Dr. Widmann auf jenen Engländer, der gehört
hatte, die Raben würden dreihundert Jahre alt, dann sich einen jungen Raben
einftellte, um zu kontrollieren, ob daö wahr sei. Aber wenn auch nicht drei-
hundert Jahre, hat er doch drei Jahre, die für viele weitere bürgen, an festester
Probezeit aufzuweisen, an der Glocke aus Auhausen bei Ottingen. Obwohl an
dieser von Lachenmeyer geschweißten Glocke aus dem 14. Jahrhundert der
schwere Uhrhammer jede Viertelstunde anschlägt und auch der Läuteklöppel
die geschweißte Stelle trifft mit ihrem alten Längs- und Querriß, „hält die
Glocke fest, und nicht die geringste Abnützung des Materials ist zu bemerken")".

Und so wenig die Form mit Bildern und Inschriften geändert wird, so
wenig alteriert sich auch das Tonbild, d. h. Haupt- und Nebentöne. Bezüglich
der auch von anderen Sachverständigen beobachteten Tatsache, daß die ge-
schweißte Stelle bei einzelnen reparierten Glocken sogar voller, satter klang
als an anderen, ist sich vr. Widmann noch nicht klar, ob dies von dem neu
hinzugekommenen Metall, seiner besseren Legierung oder seinem dichteren
Volumen komme. An der Tatsache selber sei nicht zu zweifeln, ebensowenig
an der Erklärung LachenmeyerS. Auch die finanzielle Seite des neuen auto-
genen Schweißens wird von vr. Widmann rühmend hervorgehoben, und
gegenüber der Wirkung „des zweischneidigen Schwerts, das feine Schärfe
besonders auch gegen die Glockengießer kehrt", wird betont, daß es den
Glockenbesitzern große Hilfe bringe, und das sei ganz gewiß zu begrüßen. „Vor
allem aber freuen wir uns, daß die Technik wieder einen großen Schritt
vorwärts gemacht hat, der nicht mehr aufzuhalten ist. Im Gegenteil und in
jeder Hinsicht, jederzeit müssen die Ergebnisse geistigen StrebenS und Fort-
schrittes aufrichtig geschätzt und unterstützt werden".)"

i*) Ebenda S. 314.

12) Ebenda S. 314.

13) Monatshefte für kath. Kirchenmusik, 1927, S. 315.

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