Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

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Darstellung der Hauser von Darlanden oder der Kamelien oder des Kohls
der freien, teilweise sehr freien Behandlung der übrigen Themata gegenüber,
und man wird sein Auge vor den Unterschieden nicht verschließen können. Ob
die Ankäufe in ähnlichem Sinne erfolgt wären, wenn Künstler allein maß-
gebend gewesen wären, möchte man bezweifeln, und doch läßt sich nicht ver-
kennen, daß der Gesamteindruck der Ausstellung gegenüber so manchem, was
man früher wie neuerdings zu sehen bekam, ein gemäßigterer ist und gegenüber
so vielen Extravaganzen von ehedem eine Kunstübung vorherrscht, der auch der
Laie ein Verständnis abzugewinnen vermag. Es mag sein, daß die Stuttgarter
ihren Bestand vor dem Transport über die Landesgrenze strenger sichteten.
Bei den Karlsruhern kam eine solche Rücksicht nicht in Betracht. Und doch hat
man auch bei ihnen denselben Eindruck.

Ihren besonderen, und zwar einen besonders feinen Akzent bekommt die
badische Abteilung dadurch, daß es gelang, den ganzen Saal 6 mit Werken
eines ihrer großen Toten zu füllen: H. R. von Volkmanns. Es sind über
zwanzig Nummern: feine ,,Musikanten auf dem Weg zur Kirmes" mit
der interessanten Nebeneinanderstellung von Jugend und Alter im Rah-
men herrlicher Bäume, deren welkes Laub zur Erde fällt, sonst aber Land-
schaften (Belchen, Ragano, Alb, „Bei MagolSheim"), Stimmungsbilder
aus der Natur (Frühling, Herbst, Regentag, Stille), Stilleben, alles
mit liebender Sorgfalt gemalt, ohne am Einzelnen und Kleinen hängen zu
bleiben. Gewisse Wandlungen lassen sich nicht verkennen. Aber sie sind
nicht so grundstürzend, daß ein Extrem das andere ablösen würde. Volk-
mann ist Volkmann geblieben, und sein Vorbild hat auf weite Kreise an-
regend gewirkt. Wenn also neuerdings eine schwäbische Kunstautorität einen:
mit einem kirchlichen Auftrag betrauten jungen Maler den Rat erteilte:
Malen Sie, wie man vor zwanzig Jahren gemalt hat, so ist das mit Worten
ungefähr dasselbe, was wir von weiten Kreisen der Karlsruher Künstler
gegenüber Volkmann in der Tat befolgt sehen. — Und sie stehen hierin nicht
allein für sich. Man braucht nur einmal genau zu beobachten, wie fein
E. Starker, Stuttgart, die silbernen Wellen der „Nordsee" (Nr. 83), Marie
Lautenschlager ihre Eltern (Nr. 54), A. Seufert sein „Damenbildnis"
(Nr. 73), seine beiden Blumenftilleben (Nr. 71 und 72), Oskar Obier das
„Bildnis des Malers H. St." (Nr. 64), Edmund Stierle seine „Fischer am
Bodensee" (Nr. 88), Ferdinand Zir seine Hortensien (Nr. 94) malt, und
man wird sich sagen: diese Malweise läßt sich unbedenklich auch in die Kirche
übertragen, speziell eine Heiligenfigur mit der wohllautenden Abtönung der
Farben und in dem feinen Silberton behandelt wie das genannte Damen-
bildnis von A. Seufert würde jedem Altäre, auch einem Barockaltar, gut
anstehen. Ähnliches gilt von den Karlsruhern Leo Kohle (Selbstbildnis,
Nr. 331), H. Tiebert-Jsny („Meine Frau", Nr. 384), R. Walch, Karls-
ruhe („Selbstbildnis", Nr. 388). Wir haben also nicht nötig, bei Altar-
bildern für Barock- oder Rokokokirchen den Wohllaut der Formen durch das
herbe und derbe Nebeneinander aufdringlicher Grundfarben zu zerreißen,
sondern man kann die moderne Kunst ins Brot setzen ohne dieses Risiko, und

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