Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

Seite: 19
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Die Einheitlichkeit war schon dadurch gesichert, daß die ganze
Innenausstattung unter der Leitung von Herrn Bildhauer Klink (Horb)
stand. Er hat es verstanden, in dem, was neu zu erstellen war, sich dem bereits
Vorhandenen anzuschmiegen, und namentlich Maß zu halten. Die Ver-
suchung lag nahe, zu dem den Ausmaßen des Chors harmonisch sich einfügen-
den Altarbild einen pompösen Rahmen mit Überecksäulen, verkröpftem Gebälk,
durchbrochenem Aufsatz usw. zu schaffen. Klink hat sich auf einen vornehmen
Goldrahmen mit Putten und wenigen Ornamenten beschränkt, aber eben
damit eine ruhige, feierliche Wirkung erzielt. Sie wird noch gesteigert durch
den wohlabgetönten Wechsel der Farben des StuckmarmoraufbauS, die solide
Arbeit und dezente Vergoldung des Tabernakels und das gutgewählte Kolorit
der Innenwände des Chors. Den Abschluß nach dem Schiff bildet eine ge-
schnitzte Kommunionbank, auf der einen Seite flankiert vom Beichtstuhl mit
Brokatvorhängen, auf der andern vom Weihwafferkeffel und Leuchtern aus
Meißener Porzellan beiderseits. Bänke und Empore schließen sich würdig an.
Die Beleuchtung ist durch die Glasgemälde etwas abgedämpft, aber im ganzen
freundlich, feierlich. Für die Kuppel hätte ein einfaches Stuckornament genügt.
Sie hat aber reichen malerischen Schmuck bekommen, eine Himmelfahrt
Mariä, darunter in drei Gruppen den Bauherrn und seine Angehörigen,
Exzellenz von Keppler mit Begleiter, und — in Erinnerung an die vormalige
Zugehörigkeit zum Kloster Bebenhausen — zwei Zisterziensermönche. Die
Bemalung stammt gleichfalls von Klink.

Tritt man auö der Kapelle heraus, so hat man einen Rundblick auf den
Wald, die links und rechts sich vorschiebenden Berge, das Ammer- und Neckar-
tal, die Wurmlinger Kapelle, die Alb und Hohenzollern. Und hält man vom
Tale aus einen Rückblick, so freut man sich darüber, wie gut sich daö neue Hei-
ligtum der Silhuette deö Schloffes anpaßt, und wie fein es sich von dern
waldigen Hintergrund abhebt. — Ein Vergleich mit der benachbarten sagen-
und sangumwobenen Wurmlinger Kapelle legt sich nahe, kann aber dem Leser
überlasten bleiben. Hat er Zeit, sich auf der Anhöhe ammertalaufwärtö zu
postieren, so kann sein Blick bequem von der einen zur andern schweifen. Er
wird finden, daß jeder Einfluß der Nachbarin auf dem Wurmlinger Berg ver-
mieden wurde. Es waren Meister am Werk, die von innen heraus zu schaf-
fen verstehen und Eigenwerte erzeugen.

Christliche Lunft ist die Runst der erlösten Menschheit. Sie ist in die
christliche Seele gepflanzt, an das Ufer der lebendigen Wasser, unter
den Himmel der theologischen Tugenden, unter die winde der sieben
Gaben des Hl. Geistes. Alles gehört ihr, das Profane wie das
Sakrale. Sie ist zu Hause, soweit sich die Tätigkeit und die Freude des

Menschen erstreckt. Jacques Maritain, Art. et Scolastique VIII

f. Rath. Gedanke 1928, H. 4, 0. 440.

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