Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

Seite: 22
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Das auf Holz gemalte Bild der heiligen Dreifaltigkeit mißt ohne Rah-
men 59 Zentimeter in der Höhe, 37 Zentimeter in der Breite^) — ein für den
grandiosen Gedankengehalt auffallend kleiner Umfang, der sich auch bei zwei
mir bekannten Gnadenftuhlbildern im Privatbesitz wiederholt. Jedenfalls
diente das ergreifende kleine Gemälde der Privatandacht in einer Zeit, da
Kunst und Mystik eng verfchwistert, Andachtsbilder voll tiefsten Gefühlsaus-
drucks schufen, in die objektive Veranschaulichung religiöser Wahrheiten
und Vorgänge subjektive Gefühlstöne zu kleiden wußten. Man denke an die
im 14. und 15. Jahrhundert häufig auftauchenden Gruppen der Pieta, der
Beweinung, des Schmerzensmanns, der sog. Erbärmde-Bilder und andere tief
psychologisch erfaßte Vermenschlichungen des Göttlichen in der christlichen
Kunst des ausgehenden Mittelalters. Damals häuften sich auch in Erz und
Stein und Holz, in Malerei und Graphik jene Herz und Gemüt mehr als die
älteren Symbole ansprechenden Darstellungen der heiligen Dreifaltigkeit,
wie sie unser Rottenburger Tafelgemälde zeigt. Gott Vater hält den toten,
für die Erlösung der Menschheit gestorbenen Sohn und der Heilige Geist
schwebt in Gestalt einer Taube über der trauernden Gruppe. Hier sind aber
einzelne vom Normaltypus abweichende Züge festzustellen. Gott Vater, „der
Alte der Tage", als ein ehrwürdiger Greis aufgefaßt, thront nicht wie sonst
meist auf einem Stuhl (bisweilen auch Wolkenbogen), weshalb dieser ikono-
graphische Typ auch Gnadenstuhl, thronuö Dei, genannt wird ), sondern er
steht in majestätischer Haltung, wie ein in Purpurmantel gekleideter Hohe-
priester und stützt das Opferlamm, seinen entseelten eingeborenen Sohn, liebe-
voll zärtlich an Hüfte und Arm. Eh ristuS ist nrcht wie so häuftg, auch noch
in Dürers sog. Allerheiligenbild am Kreuz hängend vom Vater umarmt oder
gestützt, sondern der entseelte Leichnam ruht, wie sonst bei der Pietagruppe, im
oder am Schoß des Vaters. Pafsio und Compafsio, Leiden und Mitleiden,
wie St. Bernhard so schön das Verhältnis von Mutter und Sohn am oder
unterm Kreuze schildert, ist hier aus das Verhältnis von Vater und Sohn
übertragen. Das im Tod gesenkte Haupt, das brechende Auge, der fahlgelbe
Leichuam Christi, das tränenumflorte Antlitz des Vaters wollen zum Herzen
des Beschauers anders als Pilatus sprechen: Ecce Homo, welch ein Mensch,
ecce FiluS mens, siehe da mein Sohn. Vielleicht sollte an dieses Gegenstück
der Passion der merkwürdige Schauplatz der Szene erinnern: die Ballustrade,
hinter der die Zinnen einer Feftungömauer ausragen. Auch künstlerisch sein ist
dieser Hintergrund gewählt, er läßt ebenso wie die Wahl und Zusammenftim-
mung der Farben der Gewänder die beiden Gestalten wunderbar plastisch her-
vortreten. Als einziger himmlischer Zeuge dieses in die Tiefen der Gottheit
versetzten Geheimnisses sehen wir den Heiligen Geist in Gestalt einer Taube
über der linken Schulter des Vaters schwebend. Aus den meisten anderen
Vertretern dieses ikonographischen Tppuö ist die Taube auf den Kreuzeöbal-

*) Ich verdanke die Abmessung H. H. Pfr. Sieber in Rottenburg, nachdem ich vergeblich zwei andere
Stellen daselbst um Mitteilung der in Pfr. Pfeffers kurzer Bildbeschreibung vergessenen katalogmäßige»
Maßangaben angegangen hatte.

5) Vergl. Detzel, Ikonogr. I 61 ff.; Künstle, Ikonogr. I 229 f.

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