Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

Seite: 23
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ken ober an der Brust des Vaters bisweilen auch auf Haupt oder Schulter
postiert.

Die Frage nach dem M e i st e r des unsignierten Bildes hat einst Pro-
fessor Keppler mit den: Münchener Museumsdirektor Hauser etwas anders
beantwortet"), und doch nicht sehr verschieden von der heutigen des Karls-
ruher Museumsdirektors Rott und seines Amanuensis. Ob HanS Schäuselein
oder der von ihm, dem Nördlinger Maler, zweifellos beeinflußte Meister von
Meßkirch, von dem Werke in Meßkirch, Donaueschingen und Sigmaringen
(jetzt wohl in Frankfurt) sich befinden, und dem zweiten oder dritten Jahr-
zehnt des 16. Jahrhunderts angehören, der Meister unseres Rottenburger
Gnadenstuhls ist, wird erst genauere und umfangreichere Stilvergleichung
entscheiden können und auch dann nicht bis zu jenem Grad von Gewißheit, den
im Gegensatz zu den fast alljährlich wechselnden, rein stilkritischen Zuweisun-
gen allein urkundliche Belege zu verleihen vermögen. Es wäre besonders reiz-
voll, die Entwicklung des Gnadenstuhlmotivs an der Hand einer Reihe von
bislang unbekannten, unveröffentlichten Vertretern desselben ikonographi-
schen Typus in schwäbischer Kunst — zwei in meinem Besitz —, von den
vielen bei Detzel und Künstle nicht genannten hochbedeutsamen Bildern dies-
seits und jenseits der Alpen ganz abgesehen, zu verfolgen, doch muß hier und
heute aus Gründen des Raummangels und der Raumgewinnung für Gegen-
wartskunst verzichtet werden').

II.

Eine der jüngsten Erwerbungen der bischöflichen Galerie ist die hier mit-
abgebildete Lindenholzgruppe der vier trauernden Augenzeugen der Kreuzi-
gung Christi. Sie mißt 125 Zentimeter in der Höhe und ist in der ganzen ur-

O) Vergl. die Katalogisierung im „Archiv" 1894 S. 89.

7) Die mehrfach gewünschte, stärkere Berücksichtigung der modernen Kirchenkunst hat die neue Redak-
tion nach der lang genug abgelehnten, nur dem scheidenden Vorstand Dr. Rohr zulieb Ende 26 erfolgten
Übernahme der Schriftleitung des totkranken D. K.-Vereinsorgans nicht nur sofort zugefagt, sonder»
auch von Anfang an reichlich — manchen Lesern sogar zuviel — betätigt. Trotzdem scheint nach dem
Bericht des D. V. über ArbeitSgemeinschaftssitzung in Stuttgart (21. I. 29) dem Vertreter einer dort
nicht genannten Partei das Maß derselben nicht zu genügen. Ich weiß nicht, ob diese Stimme von der
gleichen Art war, gegen die selbst ein begeisterter Anwalt der Moderne, wie Prof. Dr. G. List, der Red.
der „Münchener Christi. Kunst" wegen etlicher Artikel über mittelalterliche und spätere Kunst die Be-
handlung und Bewertung der Vergangenheit verteidigen zu müssen glaubte. Ob sich Angebot und Nach-
frage auch auf diesem Gebiet entsprechen sollten? Mit einer einzigen kleinen Ausnahme hat mir noch kein
geistlicher Bauherr oder Künstler einen Bericht über neue Arbeiten eingesandt oder auch nur Material
in Wort und Bild — selbst auf mehrere Anfragen öfters nicht — geliefert. Wer bezahlt den wenigen
nichthonorierten Mitarbeitern oder dem beinahe allein belasteten Redakteur die Kosten der Fahrten ins
Oberland, Besichtigungen, Aufnahmen, die hohen Kosten der Abbildungen, Klischees usw. dem stets Defi-
zit leidenden Verlag unserer so wie so umfange- und ausstallungsarmen Zeitschrift? Es heißt auch Zweck
und Aufgabe der einzigen in Deutschland noch existierenden oder eher vegetierenden Diözesankunstzeitschrist,
deren volltönender Titel mir auch so nicht im richtigen Verhältnis zu Qualität und. Quantität von An-
beginn an zu stehen scheint, völlig verkennen, wenn man die wenigen dünnen Quartalhefte mit lauter Be-
schreibungen von Gegenwartsschöpsungen bei aller Anerkennung ihrer Tüchtigkeit füttern und füllen wollte;
es ist dies ja nur eine der vielen Aufgaben freilich, die nach Wertung für Zukunft und Vergangenheit
leichteste und seichteste Seite kunstgeschichtlicher Forscherarbeit. Zu dem hat unter der neuen Redaktion
jedes Heft einen beträchtlichen Platz, oft über die Hälfte, ja zwei Drittel der Artikelreihe eingeräumt,
von den Buchbesprechungen und Kunstaphorismen ganz abgesehen. Nicht etwa nur die dort ausposaunte
vj» große Bescheidenheit", auch zu große Indolenz und Mangel an Mitarbeit, an Lesern und Schreibern ist
an theoretischen und praktischen Vertretern der christlichen Kunst zu beklagen und wer's wohl am meisten
in bisher ungeahntem Maß zu beklagen hat und nicht mehr länger die Verantwortung für jahrelanges
Spiel mit der Geduld auch der kleinen Leserschaft tragen will, d. i. d. U.

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