Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

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Newman-Gebetbuch. Aus seinen Schriften
gesammelt und übersetzt von Otto Kar-
rer. 240 S. 15 Kupfertiefdruckbilder.
16°. Jos. Müller, München. Lwd.
5.50 Mark.

Aus dem reichen, überreichen Geisteserbe
des englischen Konvertiten und Kardinals
John Henry Newman (1801 — 1890) bie-
tet uns Karrer, der bewährte Erneuerer-
alter aszetischer Literatur, eine wirkliche
Perle. In den bruchstückweise hinterlaffenen
Meditations and Devotions, Betrachtungen
und Gebete des großen Denkers lernen wir
einen neuen Augustinus kennen; ein Geistes-
riese betet bier mit der Seele eines Kindes.
Das Licht des religiösen Genies ist in ibm
eins geworden mit der Innigkeit und Ein-
falt des frommen Herzens. In die Schule
eines solchen Meisters des Gebets zu gehen,
ladet die meisterhafte Übersetzung Karrers
und die, wie immer beim Ars-sacra-Verlag
übliche, künstlerische Ausstattung des New-
man-Gebetbuchs ein. Bild und Wort stim-
men oft wunderbar überein. In den Gebets-
worten und Andachtsgedanken des englischen
Kardinals spürt man förmlich Geist vom
Geiste eines Gnadenstublbilds des Meistere
von Flemale oder der Iobannes-Cbristus-
Gruppe des Sigmaringen-Berliner Bild-
werks, dir finnig mit noch andern, meist
alten Meisterbildern dem nicht laut genug
zu empfehlenden Gebetbüchlein einverleibt
sind. Es ist, wie ein kompetenter Beurteiler
anderswo schreibt, germanische Fröm-
migkeit, die hier das Erbe der großen katho-
lischen Tradition bereichert, nachdem sie sich
selbst daran gebildet hatte; und es ist die
Frömmigkeit eines M a n n e s, praktisch,
einfach und wahr und doch von einem er-
habenen Schwung, frei von Gefüblsbitze
und Schwelgerei und doch so gemütstief und
innig, wie nur je bei einem der großen
christlichen Heiligen.

Schmidkunz, W., Christusmärchen. Mit
16 Bildern von M. Ade. 8°. 253 S.
3. Aufl. P. Stangl, München, 1928.
Lwd. 4.50 Mark.

Eine kostbare Bereicherung des „Hauö-
fchatzes für das christliche Volk" bedeutet
die Sammlung von Legenden über daö
Jesuskind, die Walter Schmidkunz, wie es
scheint, erstmals in diesem über alle Völker

sich erstreckenden Umfang veranstaltet und
in eine Kinder wie Erwachsene befriedigende
sprachliche Form gekleidet hat. Wie in Her-
ders Volksliedersammlung vernehmen wir
gleichsam auch hier „Stimmen der Völker"
in ihren Weihnachtsmärchen. Christi Geburt,
Flucht nach Ägypten und die übrige Kindheits-
geschichte, der ganze Zauber von Wahrheit
und Dichtung um das Kind von Bethlehem
wird lebendig, beseelt durch die Anteilnahme
der ganzen Natur, Pflanzen und Tiere,
Wasser und Wüste, wie eben jedes Volk
feine Art und seine Landschaft in die einzig-
artige Frohbotschaft vom Erlöserkind hinein-
zuflechten und hineinzuweben wußte. Echte
Märchen der Weltliteratur, nicht von dem
wenn auch noch so hohen, literarisch wert-
vollen Charakter der Christuölegenden der
Selma Lagerlöf, nicht gemacht, sondern ge-
wachsen im Volksgemüt, echte Poesie, wie
das alte Volkslied vom modernen Kunst-
gesang sich unterscheidet. Stimmen aus ka-
tholischen und protestantischen Kreisen, aus
Familie und Schule schildern begeistert die
Wirkung dieser Christusmärchen in ihren
beiden ersten Auflagen, die noch durch die
köstlichen, das Märchenhafte ausdeutenden
Federzeichnungen von Mathilde Ade erhöht
wird. Als ein wahres Volksbuch scheint die
Schmidkunzsche Sammlung dazu berufen,
„in unserer poesiearmen, gottfernen Zeit den
Sinn für wahre Dichtung, für jenen ver-
schollenen Ton, der aus der Tiefe des Her-
zens steigt, wiederzuerwecken" (G. Berges).

Nicht ohne neidlose Bewunderung schaut
der Berichterstatter auf den Jahrgang H e i-
matblätter, den ihm der kunstsinnige
Pfarrer von Ludwigshafen a. B., Dr. H.
Ginter, der Schriftleiter der „B öden-
s e e ch r o n i k", halbmonatliche Beilage der
„Deutschen Bodenseezeitung" kürzlich zuge-
sandt hat. Die beiden Nachbarländer Ba-
den und Bayern können sich einer weit grö-
ßeren Zahl solch heimatkundlicher Zeitungs-
beilagen, von den Monats- und Quartals-
schriften ganz abgesehen, rühmen, als das
so heimatstolze Schwabenland i. e. S. Ne-
ben dem fast ganz der Geschichte und Kunst
gewidmeten Birnau er Kalender
(9. Jahrgang 1929) leistet sich daö kleine
Seegebiet um Überlingen und sein Hinter-
land noch eine Zweiwochenbeilage, die eben-
falls unter Verzicht auf die halb- oder ganz
frommen „G'schichtlen" ganz der Heimat-

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