Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

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deutsche Wissenschaft mit Erfolg geschehen ist, die Gründung einer anderen
„N o t g e m e i n s ch a f t" für Erhaltung des so gefährdeten deutschen Kunst-
besitzes höchst dringende Notwendigkeit, um bei Behörden, Parlamenten, Bank-
und Industriemagnaten die nötigen Gelder für Ankauf solcher der Ungunst oder
dem Uebelwollen der Zeit anheimgefallenen Kunstsammlungen aufzubringen und
so weitere Katastrophen von dem heimatlichen Kunstbesitz abzuwenden.

Ob es gelingen wird, wie für andere west-- und norddeutsche Museen auch für
die Stuttgarter Staatsgalerien etliche Kleinodien schwäbischer Kunst des
ausgehenden Mittelalters zu gewinnen? Wunsch und Hoffnung ward in mehre--
ren Kassandrarufen öffentlicher Blätter der Hauptstadt ausgesprochen, eine Ent
scheidung ist bis jetzt nicht gefallen. Hoffentlich läßt nicht der Wettbewerb der
vielen staatlichen und städtischen Galerien, die größere Finanzkraft oder willigerer
Opjersinn rheinischer und anderer Industrieller unser Land auch um dieses neue
freigewordene Stammgut kommen. Die Auswahlkarte böte nur zuviele Namen
und Werke, die den Appetit der Kunstfreunde und Kunstsammler von Amts-
oder Liebhaberei wegen anlockte, so die unten besprochenen Gemälde aus der
Ulmer Schule, die nach allerlei wechselnden Benennungen jetzt an die Schul-
zusammenhänge der Werkstätten von Zeitblom, Strigel, Stöcker, Schaffner und
die schwäbische und oberrheinische Art verbindende Meister (Meister „von Meß-
kirch", „von Sigmaringen", „des Hausbuchs") geknüpft werden. Auf gleicher
beträchtlicher Höhe sind viele Skulpturen aus den schwäbischen Schulen, vor
allem wieder der Ulmer Spätgotik, jetzt Georg Erhärt oder Jörg Syrlin d. I.
und manch namenlosem Meister zugeschrieben. Daß unter den alle Bestände süd-
deutscher staatlicher Museen überragenden Goldschmiede arbeiten neben
vielen Kleinodien westlicher, rheinischer und schwäbischer Herkunft auch Meister-
werke schwäbischer, jedenfalls Augsburger Werkstätten, sich befinden, ist kein
Zweifel. Die einzigartige Vielseitigkeit der Sigmaringer Sammlung, die
Mischung von Kunst und Kunstgewerbe in Groß- und Kleinarbeiten, aller Gat-
tungen von Plastik und Malerei scheint gerade bei der Neuaufstellung in Frank
furt unter günstigeren Licht- und Platzverhältnissen ganz besonders Eindruck
gemacht zu haben. Dazu kommt die Beschränkung auf mittelalterliche und
deutsche Kunst mit ganz wenigen Ausnahmen florentinischer, französischer und
maurisch-spanischer Kunst. Und im wesentlichen ist es fast ausschließlich kirchliche
Kunst, angefangen von den Elfenbeintäfelchen des 10. Jahrhunderts bis zu den
Herrgottsruhfigürchen des 16. Jahrhunderts, von den vielen durch Fürst Karl
Anton im Rheinland angekauften Emailarbeiten an Kelchen und Reliquiarien
bis zu Tauchers Hausaltärchen. Profaner Kunstübung gehören neben einigen
ganz hervorragenden Porträten etliche Vertreter von Renaissancekeramik,
Venezianer Glas des 15. Jahrhunderts, Möbel und Teppiche, Kannen und Becher
in Gold und Silber und Funde aus alemannischen Gräbern, wie der berühmte
Gammertinger Goldhelm, an. Wohl begreiflich, daß selbst der Oberbürgermeister
der reichen Goethestadt Frankfurt bei der Eröffnung der Gastausstellung, die in
den herrlichen Räumen des Städel-Instituts einer Auferstehung gleichgekommen
sein soll, das Bedauern aussprach, aus Mangel an Mitteln nicht die Sigmaringer
Sammlung als Ganzes behalten und den immer noch nicht genannten Unter-
händlern oder Treuhändern nur einen Teil der Kostbarkeiten abkaufen zu
können. Da nun das Geschick unabwendbar sich vollzogen und mit der Auflösung
auch die Zerstreuung der einzigartigen Kunstsammlung erfolgt ist und noch

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