Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

Seite: 78
DOI Heft: 10.11588/diglit.15947.17
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15947.18
DOI Seite: 10.11588/diglit.15947#0090
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1929/0090
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
3. D i e bedeut s am st en Skulpturen des einstigen Fürstlich
Hohenzollernschen Museums in Sigmaringen.

Die Bildwerke, die hauptsächlich erst durch den jüngsterschienenen Bilder-
katalog Sprinz-Lossens weiteren Kreisen bekanntgemacht wurden,^) sind von
merkwürdig vielseitiger Herkunft und erstrecken sich über einen Zeitraum von
neun Jahrhunderten. An Alter überragen die Holzskulpturen die kunstgewerb-
lichen Gegenstände aus Metall, denen weder vor noch nach dem Verkauf eine
zusammenhängende Darstellung bis jetzt gewidmet wurde. Zu den ältesten
Frühwerken der Sammlung gehören mehrere Elfenbeintafeln, so das
von Sprinz^) einem byzantinisch beeinflußten lombardischen Meister des 10.
Jahrhunderts zugeschriebene Halbrelief Maria und Joseph auf dem Weg nach
Betlehem (16,5 X 11,4 cm) mit merkwürdigem, halborientalisch-architektonischen
Hintergrund, oder das schmälere Elfenbeinrelief mit drei Szenen aus Davids
Hirtenleben (Kampf mit Löwen und Goliat), eine deutsche Arbeit nach Art
ottonischer Miniaturen um 1000 (Tafel II) oder das anderthalb Jahrhunderte
jüngere, als rheinisch, dann von Goldschmidt^) als belgisch angesprochene
Kreuzigungsrelief, wo oben Sonne, Mond und Hand Gottes, unten zwei
Stifterfiguren mit Kelch erscheinen. Der französischen Gotik des 14. Jahrhunderts
gehören mehrere kleine Madonnenfiguren in Elfenbein an, ebenso
Diptychen mit Reliefbildern aus der Passion Jesu und dem Leben Mariä mit
reicher gotischer Architektureinfassung (Tafel IV-VII). Bemerkenswert ist neben
manchen Schachfigürchen dieser Frühzeit eine deutsche Abwandlung dieser
französischen Formen in einem Kruzifixrelief, auf dem eine Speerstange vom
Herzen Jesu zu dem Mariens reicht — Passio-Compassio — und ein Madonnen-
figürchen aus Elfenbein (Abb. 11).

Die EichenholzmadonnaausOberwefel, die Sprinz dem letzten
Drittel des 14., Rieffel der Mitte des 14. Jahrhunderts zuweist, stellt Maria
thronend dar, den Apfel in der Linken, das stehende Christkind, das mit einem
Vogel spielt, mit der Rechten haltend; das kostbare rheinische Frühwerk zeigt
nach FischellJ „die Schönheit einer großen Seelenkunst", nach RieffellJ verrät
jedoch „die gute, aber blasse und temperamentlose Arbeit nichts von der
rheinischen Fröhlichkeit der gleichaltrigen Steinplastik oder des Altars der
dortigen Liebfrauenkirche von 1331". Eine Rarität ist das Alabasterrelief
mit der sog. Iohannesschüssel, dem von zwei Engeln gehaltenen Teller mit dem
Haupt des Täufers, ein Werk der englischen Schule um 1400.

Fast ohne Uebergang beginnen sich nach diesen seltenen Frühwerken plötzlich
die plastischen Werke der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zu häufen, eine
Fülle persönlicher und landschaftlicher Eigentümlichkeiten, vorwiegend schwäbischer
Schulen. An der Spitze steht zeitlich wohl die h l. Dorothea, vielleicht unter

32) Die Bildwerke der Fürstlich Hohenzollernschen Sammlung Sigmaringen, bearbeitet
und eingeleitet von Pr. Heinrich Sprinz. In Lichtbildern ausgenommen von Pr. Otto
Lossen. Stuttgart-Zürich Montana-Verlag 1926. — Texteinleitung nur 414 Seiten. —
1871 erschien Lehners kleines beschreibendes Verzeichnis der hauptsächlichsten Sammlungs-
objekte. Früher behandelte Hesner-Alteneck die Kunstkammer des Fürsten Karl Anton von
Hohenzollern-Sigmaringen.

33) S. X; Tafel I. '

34) Goldschmidt, Elfenbeinskulpturen III 1923 Seite 14, Nr. 24, Tafel VII; Sprinz Tafel III.

35) Fischel, Mittelrhein. Plastik 1923 Seite 148.

3°) Rieffel. Städeljahrbuch 1924 Seite 71 Tafel XXIX.

78
loading ...