Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

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Multschers Einfluß entstanden, voll Anmut und Heiterkeit mit ähnlicher Falten-
gebung wie die Madonnen von Oepfingen und Ehingen. (Tafel IX.)

Specksteinskulpturen sind das Oelbergrelief und die freiplastische
Gruppe Mariä Heimsuchung, schwäbische Arbeiten um 1470 und 1480.
Den Vorteil der sicheren Datierung hat die Lindenholztafel, Anbetung der
hl. drei Könige, ein Hochrelief mit alter Bemalung und Umrahmung, an
der Sitzbank die Inschrift: „Die Mir, Den Ich 1468". Nach Stichen des Meisters
E. S. sind mehrere Reliefs gearbeitet, wie die 1468 datierte Anbetung in
Holz, so auch eine Geburt Christi in Papiermasse (Jesuskind in Mantelfalte
liegend), linksrheinische Arbeit aus dem letzten Drittel des 15. Jahrhunderts.

Mehrfach sind die St. Annaselbd rittbilder vertreten aus dem
Ende des 15. und dem Anfang des 16. Jahrhunderts, so eine Gruppe mit Tochter
und Kind fast gleich jugendlich auf einem Arm (Abb. 18), dann wieder eine
Figur Anna und Maria nebeneinander, dazwischen das Kind (Abb. 19), beide
niederrheinisch oder niederdeutsch. Schwäbisch ist die dem Meister der Biberacher
Sippe (in der Lorenzkapelle in Rottweil) um 1510 zugeschriebene Gruppe, die
unten näher beschrieben wird. Eine niederrheinische St. Anna Selbdritt, sitzend
auf einer Bank, hält rechts eine Traube, links einen Vogel, nach beiden greift
das strampelnde, von der stehenden Maria gehaltene Jesuskind, nach Sprinz
Ende des 15. Jahrhunderts zu datieren.^) Im Buch blättert das Kind auf einer
Kölnischen Gruppe derselben Zeit (Abb. 29). Mit drei Männern aus der hl.
Sippe verbunden ist die auf einem Sessel sitzende Frauengruppe auf einem
Sigmaringer Hochrelief, das niederrheinischen Charakter vom Ende des 15.
Jahrhunderts trägt (Abb. 30). Zweifelhaft ist die rheinische Herkunft bei der
Gruppe (Tfl. 40), die in Hochrelief St. Anna eine Traube dem Jesuskind
reichen läßt und Maria fast gleich groß und mütterlich gestaltet wie St. Anna.
Das Motiv des Hinüberschreitens des nackten Kindes vom Schoß der Mutter zu
der Großmutter wiederholt sich in einer auf eine Bank postierten Gruppe
schwäbischen Ursprungs, um 1515 nach Sprinz batiert.38)

Eine Oelbergdarstellung in Lindenholz-Relief zeigt den nicht selten so
geflochtenen Zaun am Rand des Gartens, über den die Schergen steigen, als
Hintergrund gotische Architektur mit Maßwerkfenstern, auf Konsolen zwischen
den Spitzbogen Adam und Eva, dazwischen den Baum der Erkenntnis mit der
Schlange?") Eine vielfigurige Beweinungsgruppe (drei Männer und drei Frauen)
um den Leichnam Jesus, ein ausdrucksvolles Hochrelief mit alter Fassung, von
Sprinz mit Fragezeichen als schwäbisch-fränkisch bezeichnet mit der noch weniger
begründeten Jahrfünftfixierungsmanie (um 1495)?°) Mehr fränkischen als
schwäbischen Realismus verrät eine eigenartige Kreuzschleppung mit Veronika,
Simon von Cyrene und Schergen, für die Gliederung der fast vollrunden Figuren
nimmt Sprinz niederländische Vorlage an?J Ein Meisterstück an Bewegungs-
kunst ist die hl. Magdalena mit turbanartigem Kopfpelz, mit gefalteten
Händen und gebeugten Knieen, quer emporgestreckt, zum Kreuz blickend: ein

37) Der Gruppe entspricht stilistisch genau die St. Annaselbdritt im K. Friedr.-Museum,
Berlin (Vöge Seite 147), Nr. 308; Nr. 64 im Nat.-Museum München (Katalog VI Nr. 964)
und in Braunsrath (Kunstdenkm. d. Kr. Heinsberg. Düsseldorf 1906. Seite 24).

38) Aehnlich in Tannheim OA. Leutkirch. Ino. Donaukreis 1924 S. 745 (aus Biberach).

33) Sprinz S. 18 Tfl. 32 „fränkisch Ende 15. Jahrh.".

40) Tfl. 33 S. 18.

41) Abb. 25 S. 18 Nr. 54.

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