Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

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Die neue Kirche in Saienfuri bei Ilveingarien.

Von Dr. A. S p e c t a t o r.

M i t 5 Abbildungen.

I.

In dem jahrzehntelangen, vor und nach dem Weltkrieg währenden Streit um
einen neuen Kirchenbaustil, in der noch heute nicht abgeschlossenen Auseinander-
setzung zwischen rückwärts gewandter und vorwärtsweisender christlicher Kunst in
der Diözese Rottenburg bezeichnet die im Sommer 1927 vollendete Baien-
furter Pfarrkirche einen gewissen Wendepunkt. Der 6. Juli dieses Jahres
brachte der neuerrichteten Pfarrei nicht nur die Weihe ihres seit Jahrhundert-
beginn geplanten, durch ihren ersten Pfarrer H o p f e n s i tz ausgeführten
Kirchenbaus, er bedeutete auch, zumal nach den ausdrücklichen Lobesworten des
weihenden Bischofs vr. Johannes Baptifta S p r o l l die Anerkennung der im
Baienfurter Bau vorwaltenden neuzeitlichen Kirchenkunst durch die oberste
kirchliche Behörde; und schließlich bezeichnet dieser erste in Oberschwaben errichtete,
von retrospektiver Stilimitation freie Kirchenneubau auch eine Etappe in dem
Entwicklungsgang des bauenden wie des malenden Künstlers, die sich beide in
der Baienfurter Kirche ein Denkmal ihres Könnens und Wollens gesetzt haben,
Otto Linder und Alois Schenk.

Keine leichte Aufgabe war dem Stuttgarter Architekten Linder gefetzt,
als er im Jahre 1924 den Auftrag erhielt, der 1904 vom großen, fast zu großen
Pfarrverband abgetrennten Tochtergemeinde Weingartens ein Gotteshaus zu
errichten. In nächster Nähe des herrlichsten Barockbaus des Landes, im Schatten
des oberschwäbischen „Petersdoms", galt es, der aufstrebenden, in fünfzig Jahren
von 700 auf 2100 Einwohner angewachsenen Weingarter Filiale einen Kirchen-
bau zu erstellen, der von dem gerade zwei Jahrhunderte früher (1715—1724)
errichteten Benediktinermünster nicht völlig in Schatten gestellt, vielmehr den
Wettbewerb wertbeständigen Neuschaffens mit dem langbewährten Alten aus-
halten sollte. Nicht erleichtert wurde die dem Baumeister gestellte Aufgabe
weiterhin durch die örtlichen Verhältnisse der neuen Pfarrkirche, die nähere und
fernere Umgebung. Diese ist in kunstgeschichtlicher Hinsicht der klassische Boden
des oberschwäbischen Barockstils, der in Architektur, Plastik und Malerei,
in kleinen und großen Kunsthandwerksarbeiten Meister- und Musterschöpfungen
dort hinterlassen hat. Wohl begreiflich dürfte deshalb wie in Bayern und Tirol,
den benachbarten Hauptvertretern nordischer Barockkirchenkunst, die lange
Zurückhaltung erscheinen, die den neuen kirchenbaulichen Bestrebungen auf diesem
so traditionsmächtigen Boden entgegengebracht wurde. In der traditionslosen
oder wenigstens traditionsarmen Diaspora, wo die große kirchenkünstlerische
Vergangenheit fast ganz fehlt, konnte sich der vom westdeutschen Industriegebiet
ausgegangene neue Baustil weit leichter durchsetzen, ganz abgesehen von der durch
Krieg und Inflation gebotenen, in Diasporastädten und Arbeitervierteln von
selbst gegebenen Beschränkung der Geldmittel, die zur Wahl der neuen billigeren
Baustoffe (Eisenbeton, Hohlkörpersteine, Schlackenbeton, Schlackengußverfahren
u. a.) drängte.

So unbekümmert, so frei von jeder Traditionsgebundenheit, konnte und
durfte ein Baumeister im oberschwäbischen Barockgebiet nicht schaffen, ohne

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