Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

Seite: 83
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Gefahr zu laufen, den Eindruck des noch nicht abgeschlossenen Tastens und
>Cxperimentierens gegenüber den formvollendeten, im Größten und Kleinsten
einheitlich geschlossenen Schöpfungen barocker Raumkunst in weitesten Volks-
kreisen zu erwecken. Und doch bot und bietet gerade die Barockkunst die Brücke
zu dem neuerwachten Gefühl für sakrale Räume und hat eine Reihe moderner,
tüchtiger Kirchenbaumeister zu beachtenswerten Neuschöpfungen befähigt, wie
Professor vr. Georg L i l st) an den verschiedenen Neubauten in und um München
nachweist. Der neue profane Baustil, bestimmt durch die Umwälzung des
Baumaterials, die neue Art künstlerischen Empfindens, das ungeheure Erleben
in Weltkrieg und Weltrevolution, all die Opfer der Kriegs- und Nachkriegszeit
haben die Romantik der „schönen Seele", der Empfindung für die Schönheit
vergangener Kunstepochen begraben helfen und eine Ernüchterung, ja Entseelung
ins künstlerische Schaffen gebracht, die noch heute zu erschrecken, bisweilen zu
entsetzen vermag. Bei aller Anerkennung, die in den letzten Jahrzehnten nach
der langen Alleinherrschaft von Romanisch und Gotisch als Kirchenstil der Barock
wieder gefunden hat, ist doch in den schweren Notzeiten unserer Tage das
Verständnis für die doch stark weltliche Prachtentfaltung, das laute Pathos und
gekünstelte Gefühl der Nachrenaissancestile im Schwinden, ist vollends der Sinn
oder Blick für das vielfach durchblinkende höfische, zeremoniöse, feudale Wesen
in den teilweise sogar nach (französischem) Kaiser- und Königtum (Regence,
Louis XIV., XV., XVI. (seize), Empire etc?) genannten Bau- und Dekorations-
formen geschwunden, die von Profanbauten auch in die Kirchen eingedrungen
sind. Geblieben ist die durch jene Anknüpfung gewonnene Empfindung
für die Größe des Raums, der Zug ins Monumentale, der Sinn für das
Einfache, Konstruktive, fortgeschwemmt aber durch die wirtschaftlichen Verhält-
nisse und die neuen Material- und Formideen ward der Sinn und die
Kraft für bloße Reproduktion schöner Stilformen der Vergangenheit, deren
Kostbarkeit von selbst ihre Wiedergabe unter den heutigen Verhältnissen
verbietet. Ueber das Recht zu solchem von der Zeitenwende gebotenen neuen
Stil auch im Kirchenbau zu streiten, ist hier weder Zeit noch Anlaß. Theorie
und Geschichte haben längst diese Berechtigung erwiesen und die Monumente
moderner Kirchenkunst bestätigen ihre Geltung. „Die Kunst liegt im Sterben,
die sich nicht in neuen Formen auszudrücken weiß", erklärte mit Recht jüngst
der greise Bischof von Limburg.

n.

Das etwa eine halbe Stunde nördlich von Weingarten gelegene Dorf
Baienfurt, das ein Drittel bäuerliche alteingesessene Bevölkerung, zwei
Drittel Industriearbeiter seit Gründung der großen Papierfabrik umfaßt, hat
nunmehr durch rühmliches Zusammenwirken von Mutter- und Tochtergemeinde,
durch die Hilfe einheimischer und auswärtiger Wohltäter (darunter besonders
die Bischöfe von Rottenburg und sogar Papst Pius XI.) ein außen und innen
wirklich modernes Gotteshaus erhalten. Als Filiale von Weingarten für den
Sonntagsgottesdienst auf die verhältnismäßig nahe, ehemalige Benediktiner-
ordenskirche angewiesen, mußte sich die rasch angewachsene Gemeinde seit der
Loslösung aus dem Pfarrverband mit dem Kapellchen begnügen, das 1891 an
der Hauptstraße an der Stelle eines älteren noch kleineren Baus errichtet ward.

9 Die Christliche Kunst 23 (1927) H. 11, S. 326

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