Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

Seite: 87
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Abb. 3: Grundriß der Kirche in B a i e n f u r t.

erreicht dadurch eine Steigerung des Eindrucks des liturgischen Zentralraums,
auch konnten dadurch ohne Windfang zierliche ins Eck hineinkomponierte Seiten-
eingänge sich anbringen lassen. Vom Schiff aus führen 8 Stufen hinauf zum
Chor, einem geschloffenen, parabolisch gewölbten Raum, der sein Licht seitwärts
erhält — ein von Linder erstmals in der Kapelle der Bauausstellung in
Stuttgart 1924 angewandter, seitdem vielnachgeahmter Kunstgriff. Nicht offen,
nicht durch blendende Lichtfülle gehemmt, sollte sich nach Linder der kultische
Hauptraum dem Beschauer offenbaren, sondern durch möglichst geringe Tiefe
ihm entgegenstreben, sollte auch durch Wegfall eines eigentlichen Triumphbogens
langsam der Zugang zum Chor sich kulissenartig erschließen wie zum geistlichen
Schauspiel, dem höchsten Mysterium. Nördlich stoßt an den Chor der Turm
an, südlich die Sakristei. Dort auf der Höhe des Chorbodens ist eine Kapelle zu
Ehren der hl. Theresia vom Kinde Jesu eingebaut — ein stimmungsvoller
Betraum mit seinen Rosenfenstern und seiner magischen Beleuchtung. Unter
dem Chor sind als Krypta für Berfammlungs- und Unterrichtszwecke praktische
Räume eingerichtet. Auch der Heizraum für Warmluftheizung ist hier eingebaut.
Annoch erhebt sich der rechteckige Turm nicht über das Dach, einstweilen mit
einem Notdach über dem ersten Gesims bedeckt. Eine nachträgliche Konzession an
oberschwäbische Bauweise und Heimatschutz ist der aus finanziellen Gründen noch
verschobene Abschluß des Turms mit einer sog. welschen Haube statt des
geplanten eckigen Helms. Mit engobierten Pfannen ist das Dach gedeckt, das
bei der neuen Bauweise der kostspieligen alten Dachstuhlkonstruktionen entbehren
kann. Die zwei armseligen Glocken des alten Kirchleins, die im unvollendeten
neuen Kirchturm aufgehängt sind, müssen inzwischen die Dienste eines neuen,
der neuen Kirche würdigen Geläutes versehen, bis bessere Zeiten für den Turm
und seine Wächterinnen kommen.

Der ganze Rohbau hat außen eine Länge von 48 Metern und eine Breite
von 22 Metern. Eine technische Musterleistung, die nur die neue Eisenbeton-
konstruktion ermöglicht, bildet dessen Fertigstellung in den knappen sechs Sommer-
monaten des ersten Baujahrs 1925; im Sommer 1926 folgte der Innenausbau,

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