Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

Seite: 88
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dessen Vollendung im Sommer 1927 die Kirchweihe am Mittwoch, den 6. Juli
durch Bischof Johann Baptist Sproll krönte. Die K o st e n des Rohbaus betrugen
200 000 Mark, die der Innenausstattung 100 000 Mark entsprechend dem Vor-
anschlag, eine nicht häufig zu konstatierende Tatsache, die noch übertroffen wird
durch offiziell bestätigtes beträchtliches Zurückbleiben unter dem Voranschlag bei
Linders Kirchenbauten in Pforzheim, Kloster Gießen und Kleinsüßen.

Wie die alten Kapellenglocken, so konnte auch nur die alte kleine Orgel,
die provisorisch auf der stattlichen Empore aufgestellt wurde, in die jubelnde
Freude der Gemeinde einstimmen. Um so lauter klingen die farbigen Akkorde,
die in die stille Symphonie dieser neuen, in Württemberg bislang einzigartigen
Raumschöpfung einstimmen mit oder ohne die absichtliche Wirkung, diese moderne
mechanisch-rhythmische Raumgestaltung durch laute, starke Wandtönung zu
unterstreichen. Und was schließlich diesen lauten und leisen Stimmungscharakter
noch erhöhen mag, ist die noch stillere Symphonie edler Tempelmaße, das
harmonische Verhältnis von 1 : 2 :1, d. h. der Breite zur Länge zur Höhe; das
Schiff ist zweimal so lang als breit und ebenso hoch wie breit. Auch dieser
Tatbestand, den ein Ed. Paulus oder Odilo Wolf 0. 8. U. mit ihrem feinen Ohr
oder Auge oder eher noch Gemüt an alten Bauwerken festzustellen liebten, trägt
nach neuesten mathematischen Untersuchungen zur Hebung der Akustik nicht
unwesentlich bei, ebenso wie die schon erwähnte Parabelwölbung.

III.

Ein so rhythmisch abgestimmtes^ Architekturwerk muß die Tochter- und
Schwesterkünste zu harmonischer Dienstleistung hssranziehen. Schon das mechanisch
hergestellte Baumaterial, das der Wohltat der wechselnden Tönung des Natur-
steins entbehrt, bedarf satter Farben, um emes sakralen Jnnenraums würdig
zu erscheinen, aber auch die in der Eisenbetontechnik erreichte Monumentalität
der Raumwirkung kann eine Steigerung vertragen, wie sie der unserem
modernen durchaus ebenbürtige Barockkirchenbau durch die raffinierte Technik
perspektivischer Architektur in den Deckenfresken erzielte. Von der Hand des
bewährten Freskenmalers Alois Schenk von Gmünd erhielten die Innen-
wände der Baienfurter Kirche nach Linders Anweisung eine eigenartige Farben-
kombination von Blau, Rot und Gelb auf frischem Kalkverputz an Stelle der
alten Vergipsung und Bemalung. Eine gewisse symbolische Stimmung ist
namentlich den mehr abgedunkelten Kirchenräumen dieser satten Tönung
nicht abzusprechen, mag auch die modernste Farbensymbolik beim heutigen
Kirchenvolk bislang noch nicht so günstigen Boden wie bei dem für Sinnbild-
lichkeit aller Naturdinge mehr eingenommenen mittelalterlichen Menschen
vorfinden. Das Schiff zeigt zunächst dem von der Westfassade Eintretenden blaue
Wandbemalung, bei der drei Farbtöne ineinander gearbeitet sind: Dunkelblau,
Hellblau und Grün; Chor und Seitenschiffe Violett, die Chorwand Goldgelb,
allmählich in Elfenbeinweiß übergehend, also eine Stufenleiter von der Farbe
der Buße bis zur Glorie, wie sie sie im Leben des Gottesmenschen, der Gottes-
mutter, der die Kirche geweiht ist, und des Christen vorgezeichnet ist. Nicht zu
verachten ist ferner die schon angedeutete technische und materielle Seite dieser
Göthes Farbenlehre entsprechenden Grundfärbung, ihre unbegrenzte Haltbarkeit
auf frischem Kalkputz und ihre Billigkeit durch Ersparung eines neuen Gerüsts.

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