Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

Seite: 93
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Wie auch immer bei Mit- und Nachwelt das Urteil über die in Wort und
Bild kurz dargelegte Kirche ausfallen mag, jedenfalls wird in der Reihe der
kirchlichen Neubauten, die feit Kriegs- und Inflationsende in erfreulichem
Wachsen trotz aller Hemmungen der schweren Notzeit begriffen ist, die 1925-27
erstellte Marienkirche in Baiensurt eine bedeutsame Stelle einnehmen, aber auch
in der noch unvoraussehbaren Entwicklung des neuzeitlichen Bau-- und Deko-
rationsstils wird der erste Krrchenbau der jüngsten Pfarrei der Diözese Rotten-
burg stets einen beachtenswerten Markstein bezeichnen. Freuen wir uns, daß
auch außerhalb Württembergs Linders Bauweise mit ihrer Ehrfurcht vor der
Ueberlieferung und ihrer Hingabe an die Forderungen der Gegenwart Anerken-
nung und weitere Aufträge gefunden hat. Ein bayrischer Pfarrer K n o r gab
in der Augsburger Postzeitung (1927 Nr. 176 v. 4. Aug.) nach dem offenen
Bekenntnis seiner bisherigen Vorurteile gegen den modernen Kirchenftil das
Urteil ab: „Architekt Otto Linder-Stuttgart hat (in Baienfurt) etwas geschaffen,
das dem schwäbischen Namen aufs neue zur Ehre gereichen wird und daß
pfarrliche Bauherrn Linder jederzeit volles Vertrauen schenken dürfen, ohne
Gefahr zu laufen, bei der Gemeinde und späteren Generationen Unzufriedenheit
zu erwecken". Gerade zehn Jahre nach Abschluß der äußeren Pfarrorganisation
steht das Gotteshaus der neugebildeten Gemeinde im wesentlichen wenigstens
vollendet da, nach einträchtigem Zusammenwirken von Heimat und Fremde,
Klerus, Volk und Adel. Möge nunmehr, wie schon bei der Investitur des ersten
Pfarrers von Baienfurt, Max Hopfensitz, (14. Nov. 1917) durch Dekan Geißinger
der Wunsch ausgesprochen wurde, dem materiellen der ideelle Gottesbau folgen!
In dem neuzeitlichen Baukörper ist vortrefflich eine der wichtigsten kirchlichen
Baugedanken zu monumentalem Ausdruck gebracht: die ch r i st o z e n t r i s ch e
Idee des katholischen Kultraums, in dem alles zu dem einen Mittelpunkt, dem
Schauplatz der täglichen Opferhandlung hinstrebt, wo der ganzen durch kein
Raumglied abgetrennten Beterschar der Blick auf Altar und Kanzel ungehindert
freisteht. Diesen liturgischen Zug der Linderschen Architektur verstärkt die manchen
übertrieben gefühlsmäßige Neigung, Licht und Farbe zu mystischer Transparenz
symbolisch zu verwenden. So kann und muß sich im Gotteshaus von Stein das
einheitliche, religiöse Gemeindeleben entzünden und sein Licht und seine Wärme
in die kalte, dunkle Gegenwart ausstrahlen, in den geheimnisvollen Leib Christi.
So hilft auch dieses moderne materielle Bauwerk den geistigen Tempelbau
errichten und die heute vielfach zu einer individualistischen Masse gewordenen
Gemeindeglieder zum Oorpus mysticum aufbauen. Auch hier im neuesten
Baienfurter Kirchenbau ist wahrhaftig nach dem alten Bibelwort „nichts anderes
als das Haus Gottes und die Pforte des Himmels!"
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