Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

Seite: 94
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Kundgabe öes Vereins für christliche Kunst im kribisium Köln »ZS
mit einem seilmbliit auf unfere Verhältnisse.

Von Prof. vr. I. Rohr, Tübingen.

Der Rottenburger Diözesanverein für christliche Kunst ist nach einer langen,
durch Krieg, Zusammenbruch und Inflation bedingten Pause erstmals wieder
in der Lage, seinen Mitgliedern eine Vereinsgabe zu bieten. Es war ein guter
Griff des neuen Vereinsvorstandes, daß er die wertvollen und doch so wenig
gekannten Schätze der Bischöflichen Galerie in Rottenburg in Behandlung nahm
und damit dem Verständnis weiterer Kreise erschloß. Möge diese Gabe nicht
nur ihren nächsten Zweck erfüllen, sondern auch den Blick Vieler wieder auf die
Ziele und Leistungen des Vereins Hinweisen und ihm neue Mitglieder werben!
Ein Vergleich mit der Kölner Vereinsgabe für das zur Neige gehende Jahr kann
nur dazu dienen, diesem Wunsche Nachdruck zu verleihen. Sie besteht aus einem
Quartheft von 32 Seiten Text, acht Phototypien gleichen Formats und der
Reproduktion einer Anbetung des Christkindes (Kölner erzbischöfliches Diözesan-
museum) von Stephan Lochner in den Farben des Originals. Diesem Bilde
gelten die ersten sieben Seiten des Textes. Es wurde im Jahre 1927 durch das
Diözesanmuseum von der Pfarrkirche zu Niederberg bei Euskirchen erworben,
bildete „jedenfalls ehedem die Oberseite einer Bursa" und ist trotz entsprechend
starker Benützung relativ gut erhalten. Das Bild ist beherrscht durch das in der
Mitte auf einem Linnentuch liegende, von Maria und Joseph angebetete und
von Ochs und Esel flankierte Christkind. Ueber demselben schwebt, umgeben von
einem Strahlenglanz Gott Vater und links bezw. rechts außen ist je ein Hirte
und über ihm ein Engel mit der Weihnachtsbotschaft angebracht. Mit wenigen
Figuren und noch weniger Farben (blau, rot, weiß, braun, gründ und gold) ist
eine sehr packende Wirkung erzielt und dies, obgleich das Bild „die am meisten
vereinfachte Darstellung der Geburt des Heilandes ist, die unsere deutsche Kunst
hervorgebracht hat". Ein kurzer, aber gehaltvoller ikonographischer Exkurs er-
härtet dies Urteil und einige Proben aus alten Liedern, Offenbarungen und
der Liturgie bestätigen es. Eine feine Analyse rückt das Werk „in die unmittel-
bare Nähe der Maria der Verkündigung auf der Außentafel des Dombildes,
und weist auf einen Gehilfen Lochners hin, der „dem Meister in vielem eben-
bürtig, wenn nicht in einzelnem überlegen" war. Es ist ein „selbständiges

Meisterwerk, das.in der Geschichte der Kölner Malerschule eine größere

Rolle zu spielen berufen ist und als ganz eigenartiges Juwel der deutschen spät-
mittelalterlichen Kunst überhaupt aller Beachtung würdig ist". Mich selber hat
es trotz aller äußern Unterschiede in seiner Schlichtheit und Innigkeit an Fra
Angelico erinnert. — Auf S. 13—20 behandelt Prof. Dr. Hans Karlinger-
Aachen das Verhältnis von Tradition und Stil unter Heranziehung reichen stil-
geschichtlichen Materials. Ein letzter Artikel (von Prof. Dr. ing. Pirlet-Köln)
verbreitet sich auf Grund ausgiebiger persönlicher Erfahrung über „Eisenbeton-
weise und Kirchenbau". Es wäre sehr interessant, näher auf die gediegenen
Ausführungen einzugehen, wenn wir nicht in den letzten Jahren in der eigenen
Heimat oder außerhalb derselben von einem schwäbischen Künstler eine Reihe
größerer Kirchen mit dem neuen Material, aber unter pietätvoller und doch freier
Anlehnung an die historischen Stile hätten aufführen sehen. — Die weiteren,
kleingedruckten Abhandlungen auf S. 23—32 (Rückblick und Ausblick zum fünf-

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