Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

Seite: 96
DOI Heft: 10.11588/diglit.15947.17
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15947.20
DOI Seite: 10.11588/diglit.15947#0108
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1929/0108
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
sein könnte, wenn ihm die materiellen Mittel zur Verfügung gestanden wären.
Die Nennung der beiderseitigen Organe weckt besonders interessante Remi-
niszenzen. Die Teilnehmer an der Diözesankunftvereinsversammlung in Sig-
maringen im Sommer 1888 erinnern sich, daß der damalige Vorstand, Prof.
Keppler, der spätere Bischof, den Plan Schnütgens mitteilte, das Kölner Organ
zum Zentralorgan für das ganze katholische Deutschland auszubauen, ihn warm
befürwortete, aber auch den Antrag energisch verfocht, das kleine Rottenburger
Organ aufzugeben, ehe es von dem großen Kölner verschlungen wurde. Er
erlitt eine Absage. Die Kölner Zeitschrift sah sich in München eine Rivalin
erstehen — und dennoch hat sich das Kunstarchiv gehalten, auch während der
Röten und Fährden der Inflation. An den Lesern ist es, ihm treu zu bleiben,
nachdem der Genesungsprozeß unsrer wirtschaftlichen Lage wieder eingesetzt hat.

Der Museumstätigkeit mag noch ein besonderes Wort gewidmet sein, zumal,
da unser neues Diözesanmuseum neue Aufgaben stellt. Herr Generalkonservator
Dr. Georg Hager in München dürfte wohl vielen aus der Seele gesprochen
haben, da er auf einem Denkmalpflegetag als passendsten Standort für kirchliche
Kunstdenkmäler den bezeichnete, für den sie ursprünglich bestimmt waren: die
Kirchen. Daß man der Stileinheit zuliebe nicht zu ängstlich zu sein braucht,
beweisen die gotischen Marienbilder auf den Barockaltären in Weißenau und
Ehingen (Frauenkirche). Es wird keinem Menschen einfallen, sie durch neue
Barockwerke zu ersetzen, von denen man bei der Bestellung noch gar nicht weiß,
wie sie ausfallen werden. Also aus rein stilistischen Gründen ein Kunstwerk
als entbehrlich erklären und behandeln, empfiehlt sich nicht. Wo man sein
Eigentumsrecht wahren will, ohne eine Verwandlung zu haben, kann eine
Uebermittlung an das Diözesanmuseum als Leihgabe in Frage kommen, wie
dies in Köln in mehreren Fällen geschehen ist.

Mit Genugtuung registriert der Kölner Bericht die Bereicherung des Para-
mentenbestandes, namentlich des Barock, so daß er „die wesentlichsten Formen
der Barockparamentik... gut veranschaulicht". Glücklicherweise besitzt unsere
Diözese einen reichen Schatz von Paramenten der Spätstile, und die Paramenten-
schränke von Comburg, Weißenau, Zwiefalten etc. bergen noch sehr wertvolle
Stücke, sind teilweise selber von großem, ja sehr großem Kunstwert. Es sei nur
an Weißenau und Obermarchtal erinnert. Wohl entsprechen sie in ihren Farben
dann und wann nicht mehr unserm heutigen Geschmack. Sie aber deshalb ein-
fach wegzudekretieren, empfiehlt sich nicht. Sie mögen benutzt werden, so lange
sie nicht brüchig werden und werden sie es, dann sind doch vielfach die Borten
und Stickereien noch so gut erhalten, daß sich eine Uebertragung auf einen neuen
Stoff reichlich lohnt — so verfuhr man mit dem Rauchmantel in Weißenau.
Glücklicherweise fabriziert man neuerdings wieder Seide — die Anregung geht
teilweise auf Herrn Domkapitular Gröber in Freiburg zurück — die nicht alte
Barockvorlagen einfach kopiert, aber ihnen doch Anregung entnimmt. Was auch
auf diesem Wege keine Verwendung mehr finden kann, das mag ins Diözesan-
museum wandern, der Vergangenheit zur Ehre, der Gegenwart zur Lehre.

Der Erzdiözese Köln und ihrem rührigen Kunstverein dürfen wir dankbar
sein für ihr zielbewußtes und geschicktes Arbeiten. Herzlicher Dank aber darf
auch denen gesagt werden, die trotz der beschränkten Mittel unsrer Heimat mit
größeren Sprengeln gleichen Schritt zu halten wissen. Mögen sie mit ihren
Bestrebungen einen sicheren Rückhalt finden bei den Diözesanen!

96
loading ...