Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

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Quellenbelege im Anhang und dasalphm
betifche Namenverzeichnis am Schluß las-
sen uns einen Blick tun in die Werkstatt
des gelehrten Verfassers, des ersten (?)
Katholiken am Reichsarchiv zu Berlin,
aber auch in die bisher fast völlig ver-
dunkelten Lichtseiten des mittelalterlichen
Brandenburg mit seiner Masse von
neuen Namen von Gelehrten, Lehrern,
Künstlern, Trägern geistlicher und welt-
licher Kultur. Trotz der Trümmer und
Ruinen, welche die Glaubensspaltung
auf diesem Boden mehr als anders-
wo zurückgelassen, hat Schäfer aus Do-
kumenten und Monumenten das Bild
des geistigen Lebens in der Mark vor
der Reformation in anderem Licht ge-
zeichnet als alle seine mehr oder weni-
ger parteiisch beeinflußten Vorgänger,
vor allem auch Treitschke, dessen gehässige
Auffassung von dem vorresormatorischen
Bildungsstand in der Mark, dem angeb-
lichen Land der Barbaren und Unbil-
dung bis zur Hohenzollernankunft und
des Wittenbergers Mönches Abfall,
gründlich widerlegt und hoffentlich end-
gültig abgetan ist. Reben dem Schul-
und Bildungswesen im engeren Sinn
kommt in Schäfers Darstellung auch die
bildende Kunst des mittelalterlichen
Brandenburg in Wort und Bild zur ver-
dienten Geltung, sein Wert ist nicht wie
der Titel manche vermuten lassen könnte,
eine trockene Provinzial-Schulgeschichte,
sondern eines der anziehendsten Kabi-
nettstücke streng wissenschaftlicher Kultur-
geschichtsforschung und -Darstellung, Geist
vom Geiste der Monumentalwerke eines
Ianffen und Pastor. Wie freute sich der
Referent, der vor bald 30 Jahren als
einer der ersten süddeutschen Studiosi
C]erici an der Berliner Universität den
damals noch wenigen Spuren der katho-
lischen Vorzeit in Altmark und Ucker-
mark, den Resten altehrwürdiger Dom-
und Klosterbauten und anderer Monu-
mente bisweilen wehen Herzens nach-
ging und in dem von Schäfer über-
sehenen dokumentenarmen Schriftchen
E r n st Riedels (Berlin, Germania
1894) „Katholisches Leben in der Mark
Brandenburg" von einst und jetzt kennen
lernen wollte, die Dr. SonnenfcheinscheH

Gründung des „Geschichtsvereins Katho-
lische Mark, Sitz Berlin" durch eine so
glänzende fachmännische Leistung ohne
die Schlacken und Schatten äußerer und
innerer Armut des Riedelschen Schrift-
chens eingeführt zu sehen! Wie d.em
Reichsarchivrat Schäfer einen bischöflichen
Träger des Namens des heutigen ersten
Weihbischofs von Berlin DeitmerH zu
finden glückte, so freute sich der R., auch
in Konrad Schwebel (S. 22, 75) wohl
einen Vorfahren des Kulturhistorikers
der Mark Brandenburg zu finden, beide
wohl aus schwäbischem Geschlecht, von
dem ein Zweig Schwäbl heute noch in
Südtirol blüht seit dem 15. Jahrhundert.
Darf ich für S. 111 A. 298 die Lesart
rapuerunt statt rastuerunt vorschlagen
und für die nächste Auflage die Erwäh-
nung einer der lieblichsten Kulturblü-
ten brandenburgischen Geisteslebens, des
Schwanenritterordens empfehlen? Mit
der wärmsten Empfehlung des Werks an
weiteste Kreise in Süd und Nord nimmt
d. R. Abschied von dem herrlichen mär-
kischen Kulturdenkmal — nicht zum letz-
tenmal, nicht ohne wiederholte Wieder-
kehr. A. N.

Richstätter, K., Eine moderne deutsche
Mystikerin. Leben und Briefe der
Schwester E. Schneider. 8°. 278 S.
Herder, Freiburg, 1928. Leinwand
5.20 Mk.

Wenn nicht alles trügt, sehen wir über
unser materialistisch-technisches Zeitalter
eine Sturzwelle der Mystik sich ergießen.
Unübersehbar häufen sich in den letzten
zehn bis fünfzehn Jahren die volks-
tümliche und gelehrte afzetische und
biographische Literatur und Editions-
tätigkeit auf dem Gebiet des inneren,
geistlichen Lebens, vorwiegend auf katho-
lischer Seite, von der Propagierung der
Theorie und Praxis der Mystik in Zeit-
schriften, Wochenblättern, Traktätchen,
den „Sendboten" und „Glöcklein" von
Ordenskommunitäten aller Art ganz zu
schweigen. Referent bucht diese unge-
heuer anwachsende, das kümmerliche
literarisch-historische und kunsthistorische

*) Beide um Berlin hochverdiente Män-
ner sind inzwischen gestorben.

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