Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

Seite: 122
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erinnert. Seine Bilder: Erschaffung der Eva, Abendmahl, Kreuzigungsgruppe,
Triptychon in Tempera, zeichnen sich durch treffliche Komposition aus. Ernst
Grasers Tafelbilder reichen nicht an feine Glasfensterentwürfe und feine technisch
wie inhaltlich allen Lobs würdigen Radierungen heran, sind gedanklich inhaltreich,
in der Farbe zum Teil düster, die aber beim verlorenen Sohn in seinem schmutzigen
Gewand symbolisch wirkt; die Flucht nach Aegypten und Ruhe auf der Flucht nehmen
durch ihr Waldidyll ein. Die religiöse Lyrik gerade dieses Motivs, das im Unter-
schied von anderen künstlerisch wie religiös weit bedeutsameren Stoffen auffallend
oft verwertet ist, hat auch in dieser Ausstellung mehrere Maler angezogen, reicht
jedoch weder im Stimmungsgehalt noch in der Komposition an die zahlreichen älteren
Darstellungen der Flucht nach Aegypten heran, man denke nur an Baldungs Bild
auf dem Freiburger Münsteraltar. Rein dekorativ wirkt Auffassung und Durch-
führung dieser biblischen Idylle bei Franz H. Grass Ruhe auf der Flucht. Irmgard
Längs Magdalenenkopf wirkt etwas süßlich. Der gute Hirte von Heß bleibt wie
bei manch anderen Werken dieser Ausstellung ein blutleeres Schemen, während
kleinere Kompositionen des Malers eher befriedigen. Einige Proben von Mate
Mink-Borns Gemälden, die vom Reichsverband für Kindergottesdienst und Sonn-
tagsschule in farbigen Photolitographien herausgegeben wurden, sah man ebenfalls
ausgestellt, es sind treffliche Dibelillustrationen alter Art.

Marie Lautenschlager hat eine Kollegin mit ernsterer, männlicherer Pinsel-
führung: Anna Huber. Ihr Christuskopf und Kruzifix, das sich durch seine sonst so
vernachlässigte Augenbehandlung empfiehlt, spricht vernehmlich in Haltung und
'Ausdruck das beigeschriebene Wort: „Für dich". Eine farbige Raumvision ist Maria
Krauskropfs „Orgelspieler", die Vision des Organisten wird in den farbigen Kirchen-
fenstern versinnbildet. Ihr Entwurf zu einem Gemälde: Die Weisen aus dem
Morgenland bezeugt formale, zeichnerische Fähigkeit und tüchtige Komposition, wäh-
rend ihre Graphik im Spielen mit mystischen Kreisen stecken bleibt. Paul Kapells
„Judaskuß" ist im Gegensatz zu seinen kleineren, malerisch tüchtigeren Bildern bei
aller formalen Virtuosität nicht frei von theatralischem Beiwerk. Theodor Mutschlers
„Bergpredigt" soll trotz der Einreihung doch wohl nur Entwurf, nicht Ausführung
sein, die vielen nur durch Kreise angedeuteten Köpfe und dem Beschauer den Rücken
kehrenden Gestalten lassen selbst für eine Skizze zu wenig Formung und Vergei-
stigung spüren. Lediglich im Stofflichen liegt die Wertung von Ferdinand Herwigs
„Simfon" und „Kain und Abel", wo aus dunklem Hintergrund die Gestalten hervor-
treten, stark athletisch aufgefaßt; religiöser empfunden ist seine von Feuerbach offen-
kundig beeinflußte Kreuztragung. Leonhard Schmitt zeigt Ansätze zu klarer Kompo-
sition. Sein großes Gemälde: Verkündigung ist aber, wie ein sachkundiger Kritiker
der Eannstatter Zeitung mit Recht hervorhebt, „weder ein Wandbild — dafür hat es
zu wenig Architektur — noch ein Tafelbild, zu dem ihm die malerischen und kompo-
sitionellen Werte fehlen." Die vielen langen und breiten Vorhangfalten und Wald-
bäume wirken ebenso wenig räumlich wie die zahlreichen kindermäßig gebildeten
und aufgestellten Reitergestalten auf seiner „Kreuztragung" — blutleere Schemen,
schwache Kulissen! Wilhelm Schaffers „Duldende" ist eine tief verinnerlichte Leistung
mit feinem Ausdruck im ergreifenden Kopf. Bei der Beurteilung der drei Maler
Hermann Bäuerle (Sintflut, Pieta), Heinrich Eberhard (Kreuzigung), Theo Fischer
(Kreuztragung) muß ich trotz Anerkennung für ihre farbigen Impressionen dem
Berichterstatter des „Schwäbischen Merkur"") das Wort lasten: „Lauter Künstler
von starkem Drang zur künstlerisch strenggefügten Form ... Von ihnen wäre am
ehesten ein kirchliches Tafelbild zu erwarten, aber die Erfüllung bringt keiner."
W. Blutbachers Samariter gereicht, wenn auch weniger einer Kirche, doch einem
Krankenhausraum zu edler Zier. Von dem in München lebenden Biberacher Erwin

6) 24. Juli 1929 Nr. 342.

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