Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

Seite: 127
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stellung des Rottenburger Diözesankunftvereins bewiesen hat, wenigstens zu einem
guten Teil, verspürt man hier wenig. Es sind fast ausnahmslos alte Geleise, in
denen nicht nur die Bildhauer, ja sogar die Maler wandeln, und deren Schaffens-
gebiet hat doch immer zuerst den modernsten Ideen die Tore geöffnet. Nach dem
Ausweis der Kirchengeschichte der Kultur und Kunstgeschichte ist doch der Konser-
vativismus auf katholischer Seite immer weit stärker gewesen, hat man sich in
katholisch-kirchlichen Kreisen am längsten besonders gegen Neuerungen in allen
Religion und Kirche betreffenden Fragen theoretisch und praktisch gesträubt. Und
nun sehen wir in Stuttgart die auffallende Tatsache vor aller Augen konstatiert:
die katholische Kirchenkunst, wie sie sich auf der vorjährigen Ausstellung anläßlich des
Diözefanjubiläums zur Schau gestellt hat, ist in Baukunst, Bildhauerei und Malerei
wie auch sicher in Graphik und Kleinkunst, moderner als die im gleichen Stuttgarter
Kunstgebäude 1929 gezeigte kirchliche Kunst der Gegenwart aus protestantischen
Kreisen. Ich will nicht sagen, daß dies in allweg ein Mangel sei; ich müßte sonst
mein schriftlich und mündlich da und dort abgegebenes Geständnis einschränken oder
zurücknehmen, daß ich nicht genug Verständnis fiir die modernste Kunst besitze,
aber auch, daß das lang genug an der Kunst der Vergangenheit geschulte Auge
nicht oder noch nicht blind sei gegenüber offenkundigen formalen und inhaltlichen
Schwächen der Gegenwartskunst. Immerhin scheint es mir für die Stellung der
Kirche zur Kultur, von der immer weitere Stücke ihrem Einfluß nicht ohne Schaden
fiir beide entzogen werden, zu wichtig, als daß ein verspäteter Anschluß an die neue
Kunstbewegung oder wenigstens späte ernstliche Auseinandersetzung mit ihren
Problemen nicht schwere Nachteile befürchten ließe, Aber was sich hievon in der dies-
jährigen, vom evangelischen Verein fiir christliche Kunst veranstalteten Ausstellung
kundgibt, ist zu wenig für die Kirche und zu wenig fiir die Künstler. Diese hat nicht
nur nichts Aufregendes, wie man es in den Sensationen der meisten Sezessions-
ausstellungen gewohnt ist und auch letztes Jahr in unserer Kunstschau sehen konnte,
es fehlt auch zu sehr an Anregendem. Was wohl der verewigte Kirchenpräsident Dr.
I. von Merz, dem in dieser Zeitschrift") ein pietätvoller Nachruf gewidmet war,
oder gar sein Nachfolger als Herausgeber des mit Kriegsende eingegangenen Christ-
lichen Kunstblatts, Stadtpfarrer David Koch, auch einer der Biographen Stein-
haufens, ein allem guten Neuen aufgeschlossener Kunstfreund, zu solchem Ergebnis
sagen würde? Lassen wir, um nicht der Voreingenommenheir beschuldigt zu werden,
dem gewiß unverdächtigen Referenten der Süddeutschen Zeitung (Nr. 339 vom
23. Juli 1929) das Wort: „Es sei hier gleich bemerkt, die gegenwärtige Ausstellung
bleibt, als Kunststeindruck absolut gewertet, beträchtlich unter dem Niveau der vor-
jährigen. Vielleicht trug die praktische Zwecksetzung schuld an diesem mageren
Ergebnis, vielleicht das protestantische Gefühl überhaupt, das dem Bildnusdruck des
religiösen Mysteriums im Grunde widerstrebt. Was in dieser Ausstellung an Ge-
mälden zusammenkam, kann nicht gut als Beweis für die vielbesprochene Neubelebung
religiöser Kunst in unseren Tagen angesehen werden. Es sind so ziemlich alle
möglichen Stilarten vertreten, die historisch eingestellte und episch beruhigte Tradition
hat gegenüber modernen Gestaltungen zahlenmäßig noch die Oberhand."

Schuld an diesem mageren Ergebnis scheint mir eben nicht nur die verhältnis-
mäßig geringe Zahl schaffender Künstler, die auf der diesjährigen Ausstellung fiir
evangelische Kirchenkunst vereinigt sind, nicht nur der diirftige Gesamtdurchfchnitt
dieser an sich erfreulich begrenzten Kunstschau; es ist offenbar auch ein Mangel an
Motiven für Auftraggeber wie Künstler, der sich bei einem Ueberblick über die
Gegenstände der bildenden Kunst nach protestantischer Auffassung kundgibt. Wie im
Technischen, in modernen Ausdrucksmitteln kaum etwas gewagt wird, insbesondere
auch gar zu selten in Farben, so diirstig ist auch die Wahl der Gegenstände; einige
biblische Erzählungen und Gleichnisse und nicht einmal die wirksamsten. Man sieht
14) Archiv für christliche Kunst, Heft 2, Seite 42 f.

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