Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

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bemerkbar. Alte Art steht neben moderner Fortschrittlichkeit, und beide haben
ihr Recht und ihren Rang. Freilich wird die gesteigerte Dramatik eines Giovanni
Matera und Sanmartino dem deutschen Gemüt etwas ferner liegen, das eine
stille, eindringliche innere Sprache liebt. Klingt in den südländischen Krippen
das „Gloria" lauter, so in den deutschen das „Credo".

Im Folgenden sei auf einige heimatliche Krippenkünstler
hingewiesen, deren Krippen deutsche Art verraten.

In Furtwangen auf dem badischen Schwarzwald befindet sich eine staatliche
Schnitzereischule. Der dortige Fachlehrer und akademische Bildhauer Hermann
T a g l a n g entwirft und schnitzt Krippenfiguren und ganze Krippen, die auf
beachtlicher künstlerischer Höhe stehen. Die bewußt streng und herb gehaltenen
Figuren, ganz aus Holz geschnitzt, vermeiden jedes Zuviel und Verzuckerte. Sie
sind wie ein lebendig gewordener Traum des deutschen Waldes. In ihrer boden-
ständigen Schlichtheit und inneren Wahrhaftigkeit wirken sie tief auf den Be-
schauer ein. Die etwa 15 Zentimeter hohen Figuren sind mit farbiger Beize
leicht getönt und wirken einzeln und gruppiert sehr malerisch, zumal dann, wenn
die Kerzenlichter (man lasse von den Krippen das künstliche Licht!) auf den
Flächen hin und her fliegen. Diese Holzfiguren, die bei aller Einfachheit voll des
inneren Lebens sind, haben ein Fortbestehen von mehreren Jahrhunderten, wie
es bei allen holzgeschnitzten Gegenständen zumeist der Fall ist. Die Anschaffung
einer solchen Krippe, die etwa zwanzig Figuren umfaßt, ist erleichtert: die
Figuren können einzeln bestellt werden, und nach und nach wird die Krippe
vollständig. Die Taglangsche Weihnachtskrippe kann als Haus- wie als Kirchen-
krippe Verwendung finden. Sie weckt erst leises Staunen, dann lautes Entzücken.
Man weiß in ihrem Besitze mit Gipsfiguren nichts mehr anzufangen.

Max Strobel in Waldsee zeigt sich in seiner Krippenkunst als
durchaus selbständigen Künstler, der schwäbische Eigenart nicht verleugnen kann.
Seine Erstlingskrippe von 1922 bringt die ganze Beschaulichkeit, Schlichtheit,
Versonnenheit, Anmut des oberdeutschen Gemüts zum überzeugenden Ausdruck.
Pose und Pathos oder zu deutsch Gehabe und Gerede müssen verschwinden. Es
gibt wenig Handlung, ganz im Gegensatz etwa zu sizilianischen Krippenbühnen,
wo alles durcheinanderwogt. Alles ist in sich gekehrte Freude, Klang, der in sich
selbst versinkt. Das Gesagte gilt auch von seinen anderen Krippen. Die Erst-
lingskrippe, aus Lindenholz geschnitzt, umfaßt etwa 27 Einzelfiguren; die
stehenden sind 22 Zentimeter hoch.

Helene Lock in Heilbronn erreicht in ihrer gebrannten Tonkrippe eine
Märchenstimmung von rührender Kindlichkeit. Die Formensprache erinnert an
die andachtsvollen Weihnachtsbilder alter deutscher Meister. Reizvoll ist der
Rhythmus im Aufbau der sich aufs Wesentliche beschränkenden Gruppe. Der
Engelreigen ist den drei Hirten, der Sternschweif den drei Königen Wegweiser
zum hilflos daliegenden Kind, dem Mensch und Tier, Erd' und Himmel huldigen.
Von diesem kleinen Kunstwerk, dem eine verborgene Musik eigen ist, geht ein
geheimnisvoller Friede aus. Eine fein abgestimmte Farbenwahl erhöht noch die
Mystik der Weihnacht. Diese Tonkrippe wirkt als Hausaltärchen ungemein
beseelend. Da ihr Preis erstaunlich nieder ist, möchte man ihr vielerorts baldigen
Eingang wünschen.

Rudolf C a m m i s a r in Tübingen entwirft und fertigt Krippenfiguren.
Diese werden ausgesägt, farbig bemalt und sind in runden Böden eingeleimt

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