Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

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Szene vor Karpharnaum, wo Jesus ein
Kind mitten unter die Zwölfe als Vor-
bild stellt, geht Undset zu dem antiken
und modernen Kindermord über, schil-
dert dann Christi Leiden und das Aerger-
nis des Kreuzes und zuletzt das Geheim-
nis von Bethlehem, was wohl den nicht
ganz zutreffenden Titel des Büchleins
begründen soll. „Die alten Meister scheu-
ten nicht davor zurück, den kleinen neu-
geborenen Herrn Christus durchaus rea-
listisch darzustellen", dieser Satz in Und-
sets Büchlein bildet den Schlüssel zum
Verständnis ihrer Eigenart, die göttliche
und menschliche Dinge so schaut, wie sie
sind, so schildert, wie sie dieselben schaut
— mit so hellen Augen, so starken Sin-
nen, so gesunden Herzens, so einfältigen
Glaubens, so frommer Menschlichkeit, so
kräftiger Frömmigkeit voll wie die alten
Meister des Mittelalters und der junge
Katholizismus der nordischen Künstlerin.
Nicht ohne apologetische Werbungsabsicht
für diese realistische religiöse Kunst
glaubt selbst O. Karrer, der Mystiker,
auf den Realisinus der Bibel, den Gott-
menschen an der Mutterbrust und im
Oelgarten verweisen zu müssen, „um
deines schamhaften Friedens willen".

Matthießen, W. Der Nordlandzug des

Herrn mit den hundert Augen. 8°.

160 S. 1928. Freiburg, Herder, kart.

Mk. 2.30.

Ein inehr dramatisches, lebensprühen-
deres Gegenstück zu den geruhsameren
autobiographischen Nonnibüchern des
Isländers Svenson bietet Matthießens
neue Abenteuergeschichte aus dem Nor-
den. Auch ohne Kenntnis des Vorläu-
fers des Nordlandzuges, der abenteuer-
lichen Tibetfahrt des gleichen jugend-
lichen Helden („Der Herr mit den hun-
dert Augen. Eine Abenteuergeschichte
aus den tibetischen Bergen." Lw. M. 4.—
Frei bürg, Herder) muß ich gestehen: so
kann nur vom skandinavischen Norden,
seinen Eisströmen und Fjorden, seinen
Abenteuern und Gefahren schreiben, dem
selber nordisches Blut in den Adern fließt,
wie schon Matthießens Name verrät.
Staunenswert ist die Kenntnis, wie vom
Orient, den Felsenklöstern des Buddhis-

mus, den Sprachen und Sitten des Ara-
bers (köstliche Gestalt des Ibn Ascha, des
Sohnes des Abendessens), so von den
nordischen Ländern, die der Schriftstel-
ler freigebig ausstreut in all den span-
nenden Szenen seiner neuen Abenteuer-
geschichte. Ein berufener Beurteiler hat
recht mit der Anerkennung dieses neuen
„Matthießen": „lauter solche Abenteuer-
bücher, dann ist die Schundliteratur
bald überwunden."

Miller A. M. Herr Jörg von Frunds-
berg, der deutschen Landsknechte
lieber Vater. 8° 394 S. 1928. Frei-
burg, Herder. Lw. 7 Mk.

Ob eines Großen Name in des Dich-
ters oder Geschichtschreibers Wort wür-
diger und dauernder verherrlicht wird,
dürfte heute mehr umstritten sein als zu
Schillers Zeiten, wo man dem Dichter-
wort die Verewigung in Erz oder Mar-
mor hintanstellte. Keine Persönlichkeit
der Geschichte, der Literatur-, Kunst-,
Welt- und Kirchengeschichte gibt es bald
mehr, die nicht in historischen Romanen
einem größeren Publikum vorgeführt
wird mit mehr oder weniger starker Ver-
gewaltigung der geschichtlichen Wahrheit
zugunsten einer imaginären sog. „poe-
tischen Wahrheit". Wahrheit und Dichtung
mischt sich auch in dem ernsthaften
Lebensgang des Ritters Jörg von
Frundsberg samt allen seinen Taten und
Schicksalen, doch so, daß etwa wie in
Herwigs „Helden-Legenden" die Phan-
tasie des Erzählers nur die schmalen
Uebergänge von einer zur anderen Tat-
sache bildet, Lücken ausfüllt, Brücken
schlägt. Artur Maximilian Miller hat
auf Grund genauester Quellenstudien des
„frumben" Landsknechtsführers Leben in
kräftiger, bisweilen etwas altertümeln-
der Sprache geschildert, mehr Chronik
als Roman, mehr Geschichte als Gedichte
in fast jeder Zeile seines jede Lebens-
linie von der Wiege bis zum Grab des
Helden zeichnenden Buches. Sechs Bil-
der nach alten Originalen schmücken das
Buch, dessen Ton oft an die Zimmernsche
Chronik erinnert. Die wilde Zeiten-
wende vor und während der Glaubens-
kämpfe in Deutschland steht lebendig vor

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