Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 44.1929

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Rör V., Tik und Taki. Eine Krähen-
geschichte. 8° 110 S. 1928. Freiburg,
Herder. Lw. Mk. 3.20.

Niggli Ai., Schönschwarz. Eine Pferde-
geschichte. Frei nach dem Englischen
von A. Sewell. 8°. 288 S. 1928.
Freiburg, Herder. Lw. Mk. 5.50.

Nach dem Fatum, das nach dem nlc-
römifchen Sprichwort über der Bücher-
produktion, aber bisweilen auch Bücher-
renzensionen schweben soll, kamen kurz
vor dem Weihnachtsmarkt (1928!) in die
Hände d. Red. mehrere illustr. Jugend-
bücher, in denen Dichter und Maler aus
der Tierwelt ihre Motive für Pflege
literarischer und künstlerischer Bildungs-
interessen geholt haben. Zu der uruen
erwähnten „Katzenburg" Matthießens
gesellt sich Kiesgens „Esel Nasso". Die
Krähe wählt sich als Sprechorgan Rör.
Ein Pferd erzählt feine interessanten Er-
lebnisse durch Mund und Hand Rigglis.

Literarische Unsterblichkeit, wie alle
guten Tierbücher der Weltliteratur scheint
auch der Esel Nasso zu besitzen. Ist ja
Laurenz Kiesgens Eselbuch eine freie
Nacherzählung noch dem französischen
Original der Gräfin Segur. Was dieser
dumme und doch so gescheite Langohr-
alles erlebt hat bei guten und bösen
Menschen, bei Bauern und Dieben, mit
Marktfrauen und Fürstenkindern und
was er bei diesen Erlebnissen in guten
und schlimmen Tagen sich gedacht hat,
das weiß der Neuherausgeber in der
Sprache der Gegenwart — am Schluß
sogar das Radio mit seinen geheimnis-
vollen Wellen— so fein u. lustig zu erzäh-
len, daß jung und alt ihm gerne zuhören
und schließlich sich sagen: „Wenn alle
Esel wären wie dieser Nasso, dann gäbe
es keine dummen Esel — die sind über-
haupt seltener als wir behaupten — ja
vielleicht könnten wir sogar gelegentlich
von ihnen etwas lernen!" Jeder Orient-
reisende, der die Geschicklichkeit der Esel
auf Ritten durch die Wüste oder an
Bergabhängen kennen gelernt hat, wird
dem in Mitteleuropa als Symbol der
Dummheit zu Unrecht geschmähten Grau-
tier diese Ehrenrettung gönnen. Die
köstlichsten Szenen illustrieren 55 Holz-

Ichnitte, die wohl teilweise dem alter:,
erwas veralteten Original entnommen
zu sein scheinen.

'Nicht weniger empfehlenswert ist Vik-
toria R ö r s Kvähenbü ch lein, das
von einem wundersam dichterischen Ein-
fühlen in die Tierseele unserer „Schwarz-
röcke" seitens der Erzählerin wie des
illustrierenden Künstlers August Braun
zeugt. Wie Krähen aussehen, wo sie
sitzen und herumfliegen und daß sie keine
sehr schöne Stimme haben, das weiß
man. Aber wie sie sonst leben, was sie
für Kämpfe und Reisen und Abenteuer
durchmachen, was sie lernen müssen, was
sie für Freuden und Sorgen haben,
welche Freunde und Feinde, wo sie woh-
nen, was sie zu Hause tun — und was
sie von einander und von uns Menschen
halten — das alles weiß man nicht. In
dem Buche steht es, zum Verwundern
lebendig und interessant. Auch der er-
wachsene Naturfreund wird sich wun-
dern, daß es so viel Interessantes und
Wissenswertes von den Krähen zu er-
zählen gibt; er wird sich aus Dichter-
mund die Deutung holen für manch
wundersame Sage und Heiligenlegenden
wie von St. Antonius, Benedikts, Os-
walds, Meinrads Raben.

Vor Iahresschluß erschien noch als ein
für alt und jung paffendes Geschenkbuch
die von Martha Niggli aus dem Eng-
lischen übersetzte und auf deutschen Bo-
den verpflanzte Pferd eg es chi ch, t e.
Das Original dieses Pferderomans ge-
hört zu den meistgelesenen englischen
Jugendbüchern. Das edle Rassepferd
Schönschwarz erzählt seine Lebensschick-
sale. Aus einer Fülle wechselvoller Be-
ziehungen zwischen Mensch und Tier er-
gibt sich eine gesunde Pferdephilosophie,
die viele menschliche Fragen lösen kann;
unaufdringlich aus den Erlebnissen des
Pferdes selber entwickeln sich Grundsätze
für wahres Menschentum und tiefere Re-
ligiosität. Die englische Verfasserin, die
seit einem Unfall in jungen Jahren auf
Pferde angewiesen, ihre stumme Sprache
deuten gelernt hat, wie die deutsche Um-
arbeiterin, auf deren Konto vielleicht
einige naive Alltäglichkeiten im Dialog
zu setzen sind, ist der Gefahr entgangen,

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