Zacharias <Gazaeus>  ; Mayer, Carl; Ahrens, Karl Wilhelm Christian   [Hrsg.]
Die sogenannte Kirchengeschichte des Zacharias Rhetor — Leipzig, 1899

Seite: 28
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*28 II, 5. Brief des Proklos an die Armenier.

Mannhaftigkeit ist der Kampf mit der harten Natur, die
Züchtigkeit ist der Sieg über die Leidenschaften, die Weis-
heit die ausgezeichnete Eegierung der Städte, und die Ge-
rechtigkeit die rechte Verteilung. Sie ordneten die Welt
durch Gesetze, die sie gaben, und verboten das Unrecht 5
auf beiden Seiten. Denn was (S. 104) besser ist und
höher als dieses Sichtbare, haben sie nicht begriffen und
vermochten es nicht' zu beschreiben, sondern in der Blind-
heit ihres Geistes widerstrebten sie der Tugend und wähnten
sie nur in dem, was sichtbar ist. Die Christen nämlich 10
sind die, deren Herzensaugen erleuchtet sind durch ihren
Glauben, deren Unterweiser und Lehrer der selige Paulos
ist. „Tugend", sagt er, „ist das, was zu Gott hinauf führt
und das, was der Erde angehört, auf geordnete Weise
führt." Also dieser in allem ausgezeichnete Paulos meinte, 15
dafs es viele Arten der Tugenden gebe; er predigte aber,
dafs über diesen besonders drei seien: Glaube, Hoffnung
und Liebe. Denn der Glaube giebt den Menschen das,
was über die menschliche Natur erhaben ist und dem-
jenigen Gemeinschaft mit den Geistern giebt, der doch 20
noch mit der Natur des leidensreichen Körpers bekleidet
ist; denn was die Engel und die geistigen Kräfte nicht
gekannt haben wegen seiner Gröfse, dessen Wissen giebt
der Glaube den Menschen, die da auf der Erde wandeln
und im Staube sich wälzen, bringt sie dem Throne der 25
Majestät nahe, giebt ihnen Kunde von der Natur, die ohne
Anfang und ohne Ende ist, und vertreibt durch seine
Strahlen den Nebel der Finsternis von der Seele; und
wenn er alle Finsternis und alle Stumpfheit vom Herzen
weggewischt hat, so bewirkt er, dafs klar gesehen wird, 30
was in seiner Unsichtbarkeit begriffen und in seiner Un-
begreiflichkeit gesehen wird. Die Hoffnung aber (spricht)
nicht, wie man im Traume sprechen kann, sondern zeigt
deutlich von jetzt an, was geschehen soll, und ohne Zwei-
deutigkeit bewahrheitet sie im Gemüte das, was werden 35
soll, wie etwas, was gesehen wird, und wie man sagt:
„Was einer erwartet, malt er sich vor die Augen." Denn
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