Zacharias <Gazaeus>  ; Mayer, Carl; Ahrens, Karl Wilhelm Christian   [Hrsg.]
Die sogenannte Kirchengeschichte des Zacharias Rhetor — Leipzig, 1899

Seite: 34
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*34 II, 5. Brief des Proklos an die Armenier.

Herr Jesus Christus, durch den alles geworden ist, der-
selbe „trug unsere Leiden und nahm auf sich unsere
Krankheiten", wie der Prophet gesagt hat1); und eben-
derselbe that Wunder und litt für uns. Aber vielleicht
zanken mit uns in ihrer Streitsucht jene neuen Juden, 5
indem sie sich Gedanken aussinnen, die schwächer sind als
Spinnweb, dafs nämlich, wenn die Dreifaltigkeit eine
Wesenheit sei, also die Dreifaltigkeit leidenslos sei; nun
werde unser Herr Jesus Christus der Dreifaltigkeit zu-
gezählt, und ebenderselbe sei Gott das Wort: also sei er 10
leidenslos, und so ergebe sich, dafs der, welcher gekreuzigt
wurde, ein anderer sei, und nicht Gott das Wort, der
da leidenslos sei.

In Wahrheit weben Spinnweb2), die so reden, und
schreiben ins Wasser, die diese neuen Beweise aussinnen; 15
und „indem sie meinen, weise zu sein, sind sie zu Thoren
geworden, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert
worden".3) Denn ein Auge, das von dem Strahle der Sonne
geblendet wird, kann nicht ordentlich sehen, und ein
kranker Sinn erfafst nicht die Erhabenheit des Glaubens. 20
Was also sagen wir? Dafs nach dem göttlichen Worte
die Dreifaltigkeit eine Wesenheit ist und erhaben über
die Leiden. Indem wir nun sagen, dafs der Sohn gelitten
habe, sagen wir nicht, dafs er gemäfs der Natur gelitten
habe, denn seine Natur war erhaben über die Leiden; 25
sondern indem wir bekennen, dafs Gott das Wort, einer
aus der Dreifaltigkeit, Leib wurde, geben wir denen
einen Grund für das Verständnis, die im Glauben fragen:
Warum wurde er Leib? Weil der Mensch, der nach
dem Bilde Gottes geschaffen, und dem eine beherrschende 30
Freiheit gegeben war, in dieser Freiheit irrte, sich vom
Bäte des Arglistigen führen liefs, sich dem Irrturne hingab
und ein Knecht der Leidenschaften der Begierden wurde,
nämlich der Leidenschaften, die über jedes Zusammen-
gesetzte herrschen. Es sind Leidenschaften, deren Ende 35

1) Jes. 53,4. 2) Vgl. Jes. 59, 5. 3) Vgl. Rom. 1, 21 f.
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