Allgeyer, Leo
Die Münsterkirche zu St. Nikolaus in Überlingen: ein Beitrag zur Baugeschichte und ästhetischen Würdigung des mittelalterlichen Denkmals — Wiesbaden, 1879

Seite: 8
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liehen Tendenz und Stimmung dieser Jahrhunderte ver-
trugen, die wir so häufig als die gute alte Zeit bezeichnen
hören, so ist doch ebensowenig bestritten, dass gerade
in dieser äusserlichen Auffassung der herrschenden, im
Grunde doch idealen Lebensmächte, die natürlichsten
Bedingungen und Anregungen gerade für die Entfaltung
und Entwickelung der Künste gegeben waren, in welchen
der leidenschaftliche, alle Lebensgebiete mit Kampf er-
füllende (Seist der Zeit gleichsam seine höhere Versöhnung
feierte.

So sehen wir unter dem sittigenden Einflüsse der
Künste neben der rohentfalteten Kraft dieser Zeiten,
jenen höheren Sinn für die Tugenden der Tapferkeit,
Ritterlichkeit und feineren Sitte sich entwickeln, der
im sogenannten Frauen- und Minnedienst und damit
zusammenhängend in der herrlichen Poesie des Minne-
gesanges seinen höfischen, vor allein aber im Marienkultus,
sowohl in Wort wie Form, seinen kirchlich-religiösen und
künstlerischen Ausdruck fand.

Diese mehr oder weniger alle Schichten der Gesell-
schaft erfassende Empfänglichkeit für die idealeren In-
teressen des Lebens, die in der Folge sich auch der
kleinbürgerlichen Elemente bemächtigte, wie wir aus dem
Treiben der Meistersinger ersehen, fand begreiflich in den
immer mächtiger gedeihenden reichsstädtischen Gemein-
wesen besonders günstigen Boden und nachhaltige Pflege;
ihnen vorwiegend, d. h. dem aus den Banden des
Feudalstaates aufstrebenden Bürgerthume,
nicht der Prachtliebe weltlicher oder kirchlicher Fürsten,
verdanken wir denn auch die herrlichsten Werke der Bau-
und der übrigen Künste des Mittelalters.

Die Bauthätigkeit, nachdem sie von Klöstern und
Orden in die Hände der Laien übergegangen war, ver-
breitete sich dieselbe über ganz Deutschland. Den grossen
Bauhütten von Cöln, Augsburg, Strassburg, Nürnberg,
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