Allgeyer, Leo
Die Münsterkirche zu St. Nikolaus in Überlingen: ein Beitrag zur Baugeschichte und ästhetischen Würdigung des mittelalterlichen Denkmals — Wiesbaden, 1879

Seite: 11
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zunehmenden Begeisterung des Volkes für grossartige
Prachtbauten zuzusehreiben sein dürften; denn Ulm be-
durfte damals ebenso wenig eines Tempels von solch1
imenser Ausdehnung wie diejenige seines Münsters, als
üeberlingen, dessen Münster — im Verhältnisse zu seiner
Bevölkerung — nicht minder grossartig genannt
werden kann und ein merkwürdiges Licht auf die
Kraftentfaltung' und Ausdauer einer solch kleinen Stadt
zu werfen geeignet ist. *)

Indess überschätzte man dort wie anderwärts seine
Kräfte; man baute in lokalpatriotischer Begeisterung mit
verhältnissmässig reichen Beisteuern so lange fort, bis
der religiöse Eifer erkaltete und der Genieinsinn abnahm.
Religiöse wie politische Gründe wirkten zusammen und
die Städte, in ihren Freiheitsbestrebungen nach und nach
beengt und von monarchischem Regimente umgeben, be-
gannen von innen faul und morsch zu werden......

Es hatte sich durch Jahrhunderte hindurch ein Akt der
Geschichte abgespielt nach den Gesetzen des Naturlaufes,
wie in politischer, religiöser und kulturhistorischer Ent-
wicklung der Länder und Reiche, so in der Entwickclung
und Umwandlung künstlerischer und wissenschaftlicher
Ideen und Bestrebungen der Völker. Die Reformation
mit ihren bilderstürinerischen, kunstfeindlichen Tenden-
zen beraubte die römisch-christliche Phantasie ihrer
Schwungkraft. An die Stelle des todten Glaubens und
seiner äusserlichen Uebung traten die Forderungen an
den inneren Menschen; eine neue Ordnung der Dinge
griff im gesammten Leben Platz. —

Auch die Gothik, nachdem sie von ihrer ursprüng-

') Ulm wollte um jeno Zeit nach früheren Angaben eine Bevölkerung von
60—70 Tausend Einwohnern gehabt haben, besass in Wirklichkeit aber höchstens
15—10 Tausenil; gerade wie Constanz statt 40 Tausend, was es überhaupt nie haben
konnte, nie mehr als 8—10 Tausend hatte; man kann im „Vaterstadtspatriotis-
mus" eben auch zu weit gehen. Üeberlingen ward bescheidener und blieb bei der
Wahrheit. —
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