Allgeyer, Leo
Die Münsterkirche zu St. Nikolaus in Überlingen: ein Beitrag zur Baugeschichte und ästhetischen Würdigung des mittelalterlichen Denkmals — Wiesbaden, 1879

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und ihm einen hohen Rang unter unsern bedeutendsten
Domen sichert. Sein Inneres, überaus frei, weit
und malerisch16), mit einem Ghorschmucke, wie ihn
vielleicht in seiner Gesammtwirkung kaum ein anderer
Chor aufzuweisen haben dürfte, muss für jedes Auge,
ein überraschender Anblick sein und jedes empfängliche
Gemüth mit Bewunderung erfüllen. Mangelt ihm in seinen
Fenstern der Schmuck von Glasmalereien, der so viele andere
Dome mit jenem mystischen Halbdunkel und Spiel der Far-
ben erfüllt, dessen Wirkungen so wesentlich zu dem male-
rischen Zauber beitragen, der uns beim Fintritt in dieselben
zu bestechen pflegt"), so ergiesst sich durch seine hohen,
breiten Fenster das Licht des Tages ungehindert in seine
[nnenräume. Allein was dadurch an malerischer Stimmung
verloren geht, gewinnen wir wieder durch die unver-
kümmerte Wirkung des Ganzen und seinen von jedem
Standpunkte aus klaren Durchsichten.

Gleich dem Ulmer macht das Innere unseres Münsters
durch sein in einer Säulenflucht sich dehnendes Hoch-
schiff schon eine grossartige Wirkung, während andere
Dome, zum Beispiel der Kölner durch die Vieltheilig-
keit gleich bedeutender Bäume dem Auge von keinem
Punkte aus einen Total-Anblick gewährt, so kolossal auch
die Massen an sich wirken. Die Kürze des Schiffes, die
Breite der Abseiten, die Weite des Querbaues und die
Länge des Chores, theilen dort gewissermassen die An-
sicht in vier Theile und lassen eine mächtige Gesammt-
wirkung nicht recht aufkommen18).

K) Lübke, Geschichte der Architektur.

1T) In neuerer Zeit wurden drei der Cliorfenster durch Meister Heimle zu
Freibarg mit Glasmalereien geschmückt, so dass nun der Hintergrund des Hoch-
altares in Farben prangt. Das mittlero Fenster ist ornamental, die beiden anderen
in Figuren gehalten und zwar linker Hand die Propheten, rechts Darstellungen aus
der Legende etc.

IH) Ich will hier ausdrücklich bemerken, dass mit diesen Andeutungen durch-
aus keine Vergleichung des Uebcrlinger Münsters mit dem Dome zu Köln angestellt
werden soll; Ich wollte nur constatiren, dass auch miudergrosse Werke durch gün-
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