Allgeyer, Leo
Die Münsterkirche zu St. Nikolaus in Überlingen: ein Beitrag zur Baugeschichte und ästhetischen Würdigung des mittelalterlichen Denkmals — Wiesbaden, 1879

Seite: 32
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ein solcher mit in reichem Baldachine endender Console,
einst wahrscheinlich mit irgend einer Statue versehen.
Also früher äusserer Schmuck der Kirche inmitten dem
gegenwärtigen Gestein!29) Die erwähnten Sprünge erklären
ihr Entstehen nun ganz einfach durch den Unistand, dass
in Folge Uebermauerung der früheren Strebepfeiler mit
ihren Fialen, Krabben, Consolen und Baldachinen keine
absolute Festigkeit hergestellt werden konnte, die nöthige
bindende Kraft durch die lockere Bauart mittelst Stein
und Mörtel mangelte und dadurch die Tragkraft der (ge-
sprungenen) Wände beeinträchtigte. Die Einfügung von
„Schlaudern"' hätte nun aber unterlassen werden können.
Durch die Entdeckung dieser geheimnissvollen steinenen
Urkunden ist ein wichtiger Abschnitt für die Bauge-
schichte unseres Münsters konstatirt, denn der gesammte
Nischenbau der beiden Seiten des Langhauses und wohl
auch die Verlängerung des letzteren, ferner eine
völlige Umwandlung der Bedachung, ebenso
der Einbau der obersten kleinen Fenster des mittleren
hohen Gewölbes war die letzte grosse Veränderung,
welche unser Münster und zwar um Mitte des 16. Jahr-
hunderts gleichzeitig erfuhr. Die Umfassungsmauer der
Kirche sammt Fenster zog sich vor dieser Umgestaltung
dorthin, wo im Innern die Nischenmauern, an denen die
Altäre sich erheben, beginnen. Die Umfassungsmauern
sammt den sehr breiten, mit einem elliptischen, kaum
noch etwas zugespitzten Bogen überspannten Fenstern, die
vielleicht früher schmale, spitzbogige Fenster waren, wur-
den hinausgerückt, in gleicher Front die äusseren grossen
Portalbögen angebracht und die jetzigen Nischenreihen
eingebaut. Einen Beweis dafür, wie diese früheren äusser-
sten Umfassungsmauern mit ihren Fenstern und Strebe-
pfeilern zurückgebaut sein mussten, finden wir in den

2y) Eine solche .Strebepfeiler-Verzierung wurde :uif Anordnung des Verf.
ausgebrochen und im Iculturhistor, Kabinete aufgestellt.
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