Allgeyer, Leo
Die Münsterkirche zu St. Nikolaus in Überlingen: ein Beitrag zur Baugeschichte und ästhetischen Würdigung des mittelalterlichen Denkmals — Wiesbaden, 1879

Seite: 39
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grossen Ossannaglocke Stand und Schutz gewährt, 38)
zeigen den Baustyl zweier Perioden: der Eine den der
frühem Gothik, der Andere, der Hauptthurm, denjeni-
gen der spätem Epoche.3<J)

Der Ossannathurm, den wir als das Werk
Meister Raben's bezeichneten, 40) grösser in seiner An-
lage als dessen Nachbar und wohl Ende des 14. Jahrb.
zum Abschluss gebracht, gleicht einer Ruine; der Zahn
der Zeit hat den mächtigen Bau zernagt und den pla-
stischen Schmuck zerstört. Die schönen Füllungen sei-
ner Fenster drohen dem Einstürze oder sie sind schon
eingestürzt. Ein ähnliches Schicksal theilen Fenster und
Statuen des Ostthurmes, dessen kahle, übrigens auf-
fallend gut erhaltene, zu einer Höhe von ca. 40 Mtr. anstei-
gende Quaderwände, die absolute Langweile verrathen41).

Wir sehen, dass bei unserm Werke den Thürmen
eine grosse Pracht am allerwenigsten zugedacht war, nicht
zugedacht werden sollte noch konnte, wenn gleich die
Anlage derselben in gewisser Höhe immerhin einen rei-
cher gehaltenen architektonischen Aufbau mit abschlies-
sender Pyramide gestattet hätte und selbstverständlich
jetzt noch gestatten würde, wenn es nicht heute leider
ebenso wie damals an den nöthigen Mitteln fehlte. —
Uebrigens muss der Ostthurm bis 1574, ehe das gegen-
wärtige Uhrgehäuse mit der Gallerie aufgebaut war, in
einer einfachen, schlanken bedeckten Pyramide geendet
haben, die aber aus Gründen praktischer Art entfernt
worden zu sein scheint, indem die nachherige von der

M) Diese herrliche Glocke wurde im Jahre 11-14 durch den Meister Uhlrich
Snabclberg von St. Gallen gegossen, also in der kräftigen Zeit des Städtekrieges;
sie wiegt 177 Centner und „tönet tiefe Ehrfurcht und stille Heiligkeit," wie wir in
einer altern Schrift lesen und in der Tliat: ihr mächtig sausendes Getön erfüllet
weituiu die Lüfte; ihre majestätische Stimme schlägt freudig erhebend an dßÄ Men-
schen Brust, um mit Haid auszurufen, dessen Monographie der Glocken in der
Pfarrei Ueberlingen von 18-44 eine äusserst verdienstvolle und anziehende Schrift bleibt-

■») Vgl. Seite 19.

*") Vgl. Seile 21.

*') Das folgendo Stockwerk ist in Mauerwerk aufgeführt.
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