Allgeyer, Leo
Die Münsterkirche zu St. Nikolaus in Überlingen: ein Beitrag zur Baugeschichte und ästhetischen Würdigung des mittelalterlichen Denkmals — Wiesbaden, 1879

Seite: 43
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dass in Folge davon die Spuren jener Herstellungsmethode
sieh nicht verleugnen. Auch da wieder der Anstrich von
Gewölben, Wänden und sämmtlicher Skulpturen. Von die-
ser Uebertünchung abgesehen ist noch mehr die Verstümm-
lung dieser zierlichen Skulpturen zu beklagen, der Sta-
tuen nicht zu gedenken, die sich theils als fuss-, hand-
oder kopflose Heilige präsentiren, woran die mehrfach er-
wähnte Renovation allerdings keinerlei Schuld trägt.

Ist im Ganzen die Architektur vom Schifte unseres
Münsters trotz Spätgothik überhaupt einfach gehal-
ten, so verräth der hintere Theil, d. h. die thurmlose
Facade mit dem Hauptportal gegen den Schulhof im
höchsten Grade den Charackter der Nüchternheit. Man
"erkennt deutlich, obgleich die Verhältnisse dieses Theiles
einnehmend erscheinen, die Eile, womit der Hau seinen
Abschluss finden sollte oder noch mehr den Mangel der
zur würdigeren Vollendung des Langhauses erforderlichen
Geldmittel. Das grosse Fenster der Schlusswand enthält
kein eigentliches Maaswerk mehr, nur durch schräg lau-
fende Stäbe, verschobene Quadrate bildend, ist die Fül-
lung ersetzt, während die beiden kleinen Nebenfenster
dagegen die einfachsten Formen der Spätgothik, im Maas-
werke zeigen. Die dieser Schlusswand vorliegende, von
einem Dache bedeckte Fortalhalle entbehrt mit Ausnahme
der vielen und schönen Consolen, von welchen aus die
Gullen das einfache Kreuzgewölbe bilden, — jeden wei-
tem Schmukes an Skulpturen. Das offene Portal steigt
in schlankem, gegen Meter hohem Spitzbogen auf, wäh-
rend das Eingangsthor im Rundbogen abschliesst; der
Kundstab der einfachen Säulen- und Hohlkehlenverzie-
rung endet in sich durch kreuzenden Blättchen. Das
auf die Emporbühne führende, 1586 (?) angebaute Stie-
genhaus mit schöner steinener Wendeltreppe zeigt uns
das spätere kleine Portal in unpassendem Style als
Pfuschwerk.
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