Allgeyer, Leo
Die Münsterkirche zu St. Nikolaus in Überlingen: ein Beitrag zur Baugeschichte und ästhetischen Würdigung des mittelalterlichen Denkmals — Wiesbaden, 1879

Seite: 63
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Entstellungszeit und als Stifter des Werkes Johan Jakob
Egenrot und Margareta Hagerin. Das Tabernakel darf
als das schönste und bedeutendste, der Renaissance an-
gehörige Ausstattungswerk des Innern des Ueberlinger
Münsters bezeichnet werden. Vielleicht gleichzeitig und
aus der Hand desselben Meisters oder doch aus der-
selben Schule hervorgegangen, wie das schöne Wand-
tabernakel der Stefanskirche zu Constanz und wohl auch
die Prachtkamine im Schlosse zu Heiligenberg 77) zeugen
sie alle von der wachsenden Einwirkung der italienischen
auf die damaligen deutschen Kunstzustände und dem
innigen Verkehr und Austausch beider Länder auf dem
Gebiete der höchsten Kultur- und Kunstinteressen78).

J> a s C Ii o r g1 e s t ii Ii 1.

Die Holzschnitzkunst des Mittelalters vom 13. bis
Jahrh. fand besonders im Chorgestühle Gelegen-
heit zur Lösung glänzender Aufgaben. Nicht leicht hat
deutscher Geist und deutsche Gedankenfülle sich in rei-
cherem Maase entfaltet, als in diesen Werken mit ihrem
eigentümlichen Gemisch von tiefer Empfindung und
kecker Phantastik. Frömmigkeit und spielender Witz,
Ammith, Humor, Spott, und Muthwillen vereinigen sich
in denselben zu sinn- und wechselvoller Wirkung; alles,
auch das Entferntliegendste in das Bereich ihrer Dar-
stellungen herübernehmend und zur christlichen Symbolik
umbildend79). Dieselbe bemächtiget sich der antiken

7T) Die Heiligenberger Kamine tragen zwar ein früheres Entstehungsjahr.

7S) Wir haben es sehr zu beklagen, dass gerade dieses Prachtwerk vor
mehreren Jahren trotz meiner Warnung im „Seeboten" falsch „restaurirt" worden
ist, indem fehlende Thcile statt sie aus dem gleichen Materiale herzustellen, aus
Holz construirt wurden und das ganze Tempelchen mittelst grauer Oelfarbe über-
Bchmiert worden ist.

79) Besonders bildet das Mönchthum eine Fundgrube zur humoristischen
Behandlung und hat vielfach die Geisel der Satyre zu empfinden.
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